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Der Bechelsdorfer Schulzenhof – das älteste Bauernhaus des Landes Mecklenburg

In den 1960-Jahren wurde das Bechelsdorfer Schulzenhaus transloziert, sprich nach Schönberg umgesetzt (beide Orte sind im Landkreis Nordwestmecklenburg gelegen). Es bildet seit dieser Zeit den Kern dieser Hofanlage, die als erstes Freilichtmuseum in Mecklenburg-Vorpommern sowie der ehemaligen DDR geplant worden ist. Einige Jahre später folgte die Umsetzung der um 1518/20 errichteten Scheune (es ist die einzige erhaltene vorreformatorische Küppungsdielenscheune in diesem Bundesland) von der unweiten Schulzenstelle in Bechelsdorf nach Schönberg. Somit konnte der Verfall dieser beiden historischen Gebäude im letzten Moment noch abgewendet worden.

Das Hauptgebäude des Bechelsdorfer Schulzenhauses hat seit seiner Errichtung um das Jahr 1525 mehrere Erweiterungen erfahren. Der heutige Zustand des wiedererrichteten Niederdeutschen Hallenhauses entspricht dem der Bauernhäuser im ehemaligen Fürstentum Ratzeburg um 1800. Die für das übrige Mecklenburg sehr großen Bauernhäuser im Fürstentum Ratzeburg brachten einen bemerkenswerten Wohlstand hervor, den die Sammlung im Volkskundemuseum „Koch´schen Haus“ am Schönberger Markt widerspiegelt. Letzteres zeigt auch auf, daß die weit entfernte Landeshauptstadt Neustrelitz nicht immer genügend Einfluß im kleinen Fürstentum haben konnte, um die vielen Eigentümlichkeiten untergehen zu lassen. Zahlreiche beschnitzte und farbig gefaßte Möbel weisen auf den hohen Wohnkomfort der Bauern hin. Die freien Bauern dieses Fürstentums konnten, anders als im restlichen Mecklenburg, einen vorzeigbaren Wohlstand hervorbringen. Noch heute bezeugen es zahlreiche Hallenhäuser in Gestalt der ausgeschmückten „Ratzeburger Schaugiebel“.

Für viele Menschen ist die Bezeichnung der „Ratzeburger Bauern“ irritierend, gehörte doch dieses Land seit dem 30-jährigen Krieg zu Mecklenburg. Auf der Domhalbinsel im heutigen schleswig-holsteinischen Ratzeburg residierte die Regierung des „Fürstentums Ratzeburg“. Seit dem Jahre 2003 werden die beiden besagten Einrichtungen nicht mehr in kommunaler Trägerschaft, sondern von einem Verein namens Volkskundemuseum in Schönberg e.V. weitergeführt. Der Heimatbund für das Fürstentum Ratzeburg von 1901 stellt den Vereinsvorsitz dar, eine ebenso traditionsreiche Institution).

Das Bechelsdorfer Schulzenhaus, in dem Herzöge zu Gast waren, stellte bis ins 18. Jahrhundert hinein die Gerichtsbarkeit für das Schönberger Land dar. Im lichtarmen Innern des Objektes muß man sich vorstellen, daß auf beiden Seiten der Diele Pferde bzw. Rinder mit dem Kopf zu dieser gewandt standen und von ihr aus gefüttert wurden. Der Boden war Bergeraum für das Getreide, und auf der fast neun Meter breiten Diele wurde im Winter gedroschen. Im 18. Jahrhundert werden die Dielen schmaler und die Stallräume tiefer. Im ehemaligen Stall befindet sich eine Dokumentation zur Bauart und Geschichte des Hauses.

Beim Betreten der Diele hängen gleich links eine Reihe von ledernen Feuerlöscheimern. Seit der Mitte der 17. Jahrhunderts war für jeden Hof eine „Brandwehr“ vorgeschrieben. Darunter steht ein altes Hecktor aus dem 18. Jahrhundert mit kunstvoll ausgestalteten Vierpässen. Es wurde vor das Haupttor gelegt, um das auf dem Hof herumlaufende Kleinvieh von der Diele fernzuhalten.
Die sich daran anschließende Reihe von Bienenkörben deutet darauf hin, daß jeder Bauer auch seine Bienenvölker im Garten hatte. Bis zur Erfindung des Rübenzuckers, Anfang des 19. Jahrhunderts, stellte Honig für die Bevölkerung das alleinige Süßungsmittel dar. In Mecklenburg waren die Körbe meist aus Stroh geflochten. Dieses war früher wesentlich länger (als noch keine Halmverkürzer zum Einsatz kamen) als heute und wurde mit Hilfe eines Kuhhorns straff gewickelt. Die eigentliche Bienenzucht wurde vor allem von den Pastoren und den Lehrern betrieben.

In der linken Abseite sind zahlreiche bäuerliche Arbeitsgeräte zu sehen, u.a. auch einige „Mecklenburger Haken“, die bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein als Beetpflug dienten. Der älteste ausgestellte Pflug ist von 1790 datiert. An der Nischenwand hängt eine Reihe von Dreschflegeln, mit denen das Getreide im Winter gedroschen wurde. Einer von ihnen ist noch mit Aalhaut gebunden, die als unzerreißbar galt. Typisch für Schönberger Verhältnisse sind die Moorschuhe für die Pferde, welche die Tiere vor dem Einsinken in die Tiefen der Quellmoore bewahren sollten.

Im rückwärtigen Teil der alten Bauernhäuser befindet sich der Wohnteil. Er besteht aus der beheizbaren Stube und mehreren nicht beheizbaren Kammern, die zum Schlafen dienten.
Neben der linken Kammertür hängt ein Tragegestell, in welchem gewerbliche Aufkäufer Hühner und Tauben zu den Markttagen vor allem nach Lübeck brachten. Als nächstes folgt die Stube, in Mecklenburg „Döns“ genannt. Auffallend ist der lange Tisch, an welchem Bauer und Gesinde gemeinsam aßen. Der Rundofen aus der Zeit um 1800 wurde von der Küche aus beheizt. Auf dem Sekretär liegt ein Schulzenstab, ähnlich wie die Schafferhölzer der Handwerkerinnungen.
Lud der Schulze (Bürgermeister) zu einer Dorfversammlung ein, wurde die Einladung um den Stab gebunden und dieser von Hof zu Hof getragen. Bei den Versammlungen selbst war er das Würdezeichen des Schulzen.

In der anschließenden Schlafkammer steht ein großes Doppelbett, das im 19. Jahrhundert eine Neuerung war, denn zuvor wurde in Alkoven (Bettnische) geschlafen. Häufig wurden die Betten von mehreren Menschen gemeinsam benutzt. Geschlafen wurde auf Strohsäcken und zwischen zwei Laken. Bettbezüge wurden erst später üblich. Die Kürze der Betten ist einmal der geringeren Körperhöhe geschuldet und zum anderen dem Umstand, daß der Oberkörper mit fünf bis sechs Kissen gestützt wurde und somit die Schlafhaltung eher sitzend war.

Zurück auf der Diele, ist der nächste Raum die Küche. Dort ist der offene Herd, der Schwibbogen. Die Kessel wurden an die Kesselhaken gehängt. Durch die verstellbaren Haken konnte man die Kochhitze regulieren (das Stichwort, einen Zahn zulegen, soll daher rühren). Die Pfannen wurden auf eiserne Dreifüße gesetzt. In der Rückwand des Herdes befinden sich Ofentür und Rauchabzug für die Beheizung des Stubenofens. An dem an der Decke befestigten Wursthaken hingen die Eßwaren, die angeschnitten waren, während auf der Diele die im „Schinkenhimmel“ hängenden Schinken, Würste und Speckseiten durch den abziehenden Rauch geräuchert wurden. Die alten mecklenburgischen Bauernhäuser hatten keine Schornsteine; sie sind „Rauchhäuser“. Erst um 1780 werden Schornsteine vorgeschrieben und oft nachträglich eingebaut. Das Schulzenhaus ist aber immer ein Rauchhaus geblieben.

Ursprünglich standen vier Schwibbögen auf der offenen Diele. Das Herdfeuer war der Mittelpunkt des Hauses, spendete es doch allen Licht und Wärme. Im Winter war die Nähe des Herdes Hauptarbeitsplatz für die Bauern und das Gesinde. Fast alles wurde für die Wirtschaft, ob Geräte, Essen und Trinken, ja sogar die Kleidung, selbst hergestellt. Nach dem Blick in eine zweite Gesindekammer befindet sich ein weiterer Dokumentationsraum, in welchem Verwendung und Verarbeitung der unterschiedlichsten Holzarten auf einem Bauernhof dargestellt sind. Fast alles, vom Eßlöffel bis zur Backmolle, vom Schaufelstiel bis zum Holzpantoffel, wurde von den Männern selbst angefertigt. Nur selten wurden Handwerker, vor allem Stellmacher (Radkarrenbauer) oder der Schmied, in Anspruch genommen.

Ein weiterer Dokumentationsraum, der wie der vorherige ursprünglich ein Stall war, zeigt die Arbeit der Frauen, die neben der Herstellung der täglichen Nahrung auch Wolle und Leinen verarbeiteten. Die Aufbereitung der Rohstoffe war oft sehr mühselig. Spinnen und Stricken galt nicht als Arbeit, sondern waren Abendbeschäftigung. Es ist überliefert, daß die Frauen auf dem Wege zum Feld an den immer notwendigen Strümpfen strickten. Webstühle standen eher in den Häusern der Kleinbauern.

In der um 1518/20 errichteten Scheune, die letzte erhaltene vorreformatorische Kübbungsdielenscheune in Mecklenburg, sind zahlreiche Arbeitsgeräte und Maschinen aus dem 19. Jahrhundert und aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu sehen. Dazu gehört auch der letzte ratzeburgische Marktwagen mit seinen geschwungenen Leitern. Die beiden Feuerspritzen hatten ihren Platz ursprünglich in den Spritzenhäusern, wie sie nach der Einrichtung der Zwangsfeuerwehren überall in den Dörfern entstanden.

In den alten Bauernhäusern gab es weder Bad noch Toilette. Gewaschen wurde sich in einem Holzzuber in der Küche. Die Notdurft wurde zwischen dem Vieh oder an dem vor dem Haus liegenden Misthaufen verrichtet. Häufiger Wäschewechsel oder gar baden waren nicht üblich, letzteres galt sogar als schädlich. Wer Läuse hatte, galt als gesund. Kindheit im heutigen Sinne gab es nicht. Ab dem vierten Lebensjahr wurden die Kinder zu allen Arbeiten, denen sie kräftemäßig gewachsen waren, herangezogen. Gekauftes Spielzeug war unbekannt. Der Phantasie der Kinder war keine Grenze gesetzt. Die Schulbildung war meistens mangelhaft. Erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts besuchten auch vermehrt Bauernsöhne das Realprogymnasium in Schönberg.
Der Bauer und seine Frau wurden von den Kindern und dem Gesinde als „Herr Vadder“ und „Fru Mudder“ und im Plural „Ihr“ bzw. plattdeutsch „Ji“ angesprochen. Zu den Mahlzeiten kam ein Leinentuch auf den Tisch. Gegessen wurden gemeinsam aus mehreren Schüsseln, die auf dem Tisch standen. Ein eigenes Gedeck aus Teller und Besteck gab es nicht. Kleckern galt als ungehörig, ebenso das Suchen nach Fleischbrocken. Ein Messer hatte jeder Erwachsene am Gürtel. Die Löffel steckten in einem an der Wand befestigtem Brett oder in Lederschlingen am Fenster, Eßgabeln wurden erst im 19. Jahrhundert üblich. Nach der Mahlzeit wurde der Löffel sauber abgeleckt, im Tischtuch abgewischt und wieder ins Brett gesteckt, denn beim Abwaschen wäre das Holz rau (struw) geworden. Bis zur Konfirmation mußten die Kinder beim Essen stehen.

Gekocht wurde im allgemeinen nur mittwochs und sonntags, ansonsten wurde aufgewärmt. Die einfachen Herde waren für „mangkakt Äten“ (Eintöpfe) am besten geeignet. Braten gab es selten und wenn, wurden sie im Backofen zubereitet. Auch Feingebäck oder Kuchen waren so gut wie unbekannt. Das beliebteste Gebäck waren die „Stuten“, eine Art Weißbrot mit Rosinen. Das Hauptgetränk für Jung und Alt war früher das Bier, welches auf den Bauernhöfen selbst gebraut wurde. In einer Zeit, da Kaffee, Tee, (außer Kräutertees zu Heilzwecken), Kakao und alle heutigen Erfrischungsgetränke unbekannt waren, war auch das Wasser, das ursprünglich aus Bächen und Teichen geschöpft wurde, nicht immer bekömmlich. Später stand auf jedem Hof ein „Sood“ (Brunnen). Aber auch dieses Wasser, das aus relativ geringer Tiefe kam, entsprach nicht den heutigen Anforderungen.

Geboren und gestorben wurde im Hause. Einige hundert Menschen haben in den mehr als 300 Jahren, in denen das Schulzenhaus bewohnt war, hier ihren ersten Schrei und ihren letzten Atemzug getan. Die Toten wurden auf der Diele aufgebahrt. Das ganze Dorf nahm von ihnen Abschied, bis sie dann nach einigen Tagen nach Schönberg gefahren wurden, um dort begraben zu werden.
Willi Wissen

Quellenverzeichnis:
– Broschüre: Herzlich willkommen auf dem Bechelsdorfer Schulzenhof, Hrsg.:
Volkskundemuseum Schönberg
– Flyer: Freilichtmuseum Bechelsdorfer Schulzenhof, Hrsg.: Volkskundemuseum Schönberg
– Das Volkskundemuseum Schönberg, Hrsg.: Volkskundemuseum Schönberg

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Datum
14.01.2018

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