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Die Boitiner Landwehr – eine Grenzsicherung für das Fürstentum Ratzeburg

Vermutlich haben wir sie alle auf Spaziergängen schon gesehen, wenn auch vielleicht nicht bewußt wahrgenommen: Doppelte oder dreifache Wälle, von flankierenden Gräben begleitet, die sich nicht gradlinig, wie beispielsweise jüngere Waldeinfriedungen, sondern in unregelmäßigen, nicht an dem bestehenden Wegenetz orientierenden Verlauf durch den Wald ziehen.

Auf den benachbarten Feldern sind diese Erdbauwerke meist nicht mehr vorhanden, weil sie die moderne, großflächig organisierte Landwirtschaft behinderten und deshalb längst überackert wurden. Sie sind höchstens noch im Luftbild anhand von Bewuchsunterschieden weiterzuverfolgen. Bei den Verfärbungen handelt es sich um Spuren, die die Gräben im Boden jeweils hinterlassen haben. In ihnen hält sich die Feuchtigkeit im Vergleich zur landwirtschaftlich umliegenden Erde länger, und sie sind deshalb bei noch nicht aufgegangener Saat und günstigen Witterungsverhältnissen aus der Vogelperspektive zu erkennen.

In der Zeit vom 13. bis zum 15. Jahrhundert gehörten Landwehren in vielen deutschen Reichsgebieten zu prägenden Erscheinungen im Landschaftsbild. Also unzählige Orte – nicht nur in Nordwestmecklenburg, sondern auch weit darüber hinaus – sicherten im Mittelalter nicht nur ihre Siedlungen, sondern auch ihren oft recht umfangreichen Landbesitz durch die Errichtung von Landwehren gegen feindliche Fremde ab.
Was sind eigentlich Landwehren?

Bei Landwehren handelt es sich um Anlagen, die zwar auf menschliche Intentionen zurückzuführen sind, sich aber in besonderem Maße des natürlichen Umfeldes bedienen und selbst wieder neue Umweltbedingungen geschaffen haben. Als Inseln besonderer Bodenverhältnisse heben sich erhaltene Landwehren, bzw. deren Teilstücke, noch heute meistens nicht nur visuell, sondern auch qualitativ vom ihr jeweils umgebenen Umfeld ab. Sie besitzen von alters her eine facettenreiche, spezifische Fauna und Flora.
Auf sehr unterschiedliche Art und Weise haben Menschen im Verlauf der Geschichte versucht, kleine Siedlungen, Städte und ganze Herrschaftsgebiete vor feindlichen Übergriffen zu schützen. Eine typische Erscheinung sind z.B. passive Sicherungen zu Hoheits- und Besitzrechten errichtete Landwehren. Dazu gehören Warten, meist höhergelegene, unbefestigte Beobachtungspunkte, die oft heute noch anhand ihrer Flurnamen wie etwa Uitkiek, Kibitzberg, Wartberg oder ähnliches zu identifizieren sind. Die Hauptaufgabe von Landwehren war also der Schutz vor Eindringlingen, von Plünderern, Räubern, Viehdieben, marodierenden Banden und anderen Gesetzesbrechern. Bereits eingedrungene Personen genannter Coleur sollten sie die Flucht erschweren. Eine intakte Landwehr stellt selbst im Kriegs- und Fehdefall ein ernsthaftes, wenn letztendlich auch nicht unüberwindliches Hindernis dar.

Größere Heere waren durchaus in der Lage, Breschen anzulegen. Neben dem Hauptzweck der alltäglichen Bekämpfung des Frevel- und Raubwesens dienten die Landwehre auch der Wegezollkontrolle sowie der Zolleintreibung an Straßendurchlässen. Vor der Erfindung des Stacheldrahtes erfüllten sie auch eine wichtige Zaunfunktion, wie sie in ähnlicher Weise die norddeutschen Knickwallhecken (Knicks) einnahmen. In Zeiten großer Holzknappheit waren sie begehrte Nutzholzquellen. Die Grabensysteme blieben dort, wo es sinnvoll war, zu Entwässerungszwecken erhalten. Bezeichnungen wie Landwehrgraben, die heute noch relativ häufig für einige Gewässer verwendet werden, deuten darauf hin.
Um 1370 ließ der damalig amtierende Ratzeburger Bischof Heinrich von Wittorp die Boitiner Landwehr errichten. Sie sicherte das Herzogtum Ratzeburg als den Hoheitsbereich des Ratzeburger Bistums gegen das Herzogtum Mecklenburg ab. Über längere Strecken ist die Boitiner Landwehr in Waldgebieten als Wall zwischen zwei teilweise noch wasserführenden Gräben mit kleinerem südlichen Vorwall erhalten (z.B. im Söhren-Wald bei Wendorf ersichtlich), auf den ackerbaulich genutzten Flächen ist sie in mehr oder minder reduzierter Form als Wallhecke/Wehrhecke mit Graben noch zu erkennen. Im besagten Söhren-Forst (im Bereich des Landweges zwischen Boitin-Resdorf und halberwegs Wendorf) stellt eine Informationstafel nicht nur ein dortiges, 250 m langes, bis heute erhaltenes Teilstück, des durch die Untere Denkmalbehörde des Landkreises Nordwestmecklenburg geschützten Bodendenkmales „Boitiner Landwehr” kartografisch dar, sondern darüber hinaus ist auf dieser Karte ersichtlich, daß nördöstlich Raddingsdorf, an der Maurine weitere 2oo m, sowie südlich Lindow, unweit des Haidberges, ein 1,6 km langer Abschnitt und ebenfalls südlich Lindow, in Richtung Torisdorfer Holz, gar 2.400 m dieses kulturhistorisch bedeutsamen Menschenwerkes bis dato über die Zeit gerettet werden konnte. Einige mittelalterliche Dörfer, wie das vorgenannte Wendorf, bzw. Raddingsdorf wurden nicht nur mit Dorfumwallungen geschützt, sondern des Weiteren auch mit sogenannten Landhemmen; also damalige Straßensperren. Diverse, dicht mit Feldgehölzen bewachsene Passagen komplettieren diese Landwehr. Exkurs am Rande: Im Mittelalter wurde übrigens das Verrücken von Grenzzeichen mit Enthauptung oder lebendig begraben geahndet!

Gelegentlich eines Besuches des deutschen Kaisers Karl IV. beim damaligen Bischof Heinrich von Wittorp in dessen Residenz in Schönberg wurde der Bischof 1375 in einer Urkunde Erwerb und Besitz zahlreicher von der Landwehr eingeschlossener damaliger Dörfer bestätigt, u.a. auch der vormals zum Fürstentum Mecklenburg gehörenden Orte Klein Rünz und Falkenhagen. Dort knickte die jetzt nicht mehr erhaltene Landwehr aus ihrer sonst von West nach Ost gehenden Verlauf deutlich nach Süden ab und umschloß beide Orte.

Unter genereller Einbeziehung aller gegebenen natürlichen Hindernisse bestand also auch diese Landwehr im Normalfall aus einem mit dornigem Buschwerk verhauenen Wall und beidseitig begleitenden, meistenteils wasserführenden Gräben, denen im Verlauf der tatsächlichen Grenzziehung ein weiterer niedriger Wall vorgelagert war.
Ihren Namen verdankt die Boitiner Landwehr dem Land Boitin, welches eine mittelalterliche Provinz innerhalb des Bistums Ratzeburg darstellte. Es wird 1158 in der Dotationsurkunde Heinrich des Löwen als Butin erstmals urkundlich erwähnt. Der Name geht zurück auf den polabischen Volksstamm der Bytiner. Infolge einer noch in der drawänopolabischen Sprache nachweisbaren Lautwandlung wurde y zu oi und Bytin zu Boitin.

Gegenüber dem polabischen Boitin vermochte sich der eingedeutschte Name Butin nicht durchzusetzen. Auch der polabische Name des Landes ist inzwischen verschwunden, der polabische Name ist heute nur noch vereinzelt wiederzufinden, etwa im Ortsnamen Boitin-Resdorf.

Die Grenzen  des Landes Boitin wurden in der bereits erwähnten Dotationsurkunde wie folgt beschrieben: … vom Herzogsgraben bis zum Steinhaufen in der Nähe von Bünsdorf und von dort weiter mitten durch den Menzendorfer See und von dort in grader Linie bis zu einem Stein, von diesem in dem gemeinsamen Wald bis zu einem Ort der im Volksmund Mannhagen heißt, in der Nähe von Carlow und in dem Riepser Sumpf genannten, in Richtung Schlagsdorf gelegenen Wald und von dort entlang des Lentschower Baches bis zur Mündung in die Wakenitz.

Das Land umfaßte somit ungefähr das Gebiet der heutigen Gemeinden Selmsdorf, Schönberg, Groß Siemz, Niendorf Lockwisch und Lüdersdorf (heute allesamt zum Amt Schönberger Land gehörend). Unter Bischof Markward von Jesowe setzte zu Beginn des 14. Jahrhunderts das Bemühen des Ratzeburger Bischofs um Arrondierung des Landes Boitin ein.

Selbst bis in die heutige Gegenwart hinein befinden sich hier zu einem großen Teil noch Gemarkungs- und Besitzgrenzen; bis zur Neuordnung des Landes Mecklenburg verlief hier über weite Strecken die Grenze zu den Bezirken Schwerin und Rostock. Überall im bewaldeten Gelände ist die Landwehr gut erhalten, im Acker schrumpfte sie durch Überpflügen zu einem Grenzgraben mit Knicks, bzw. wurde vollständig eingeebnet (wehrhafter Wasser-Wurm, das ist nicht nur ein bildhaftes Synonym beispielsweise für die Boitiner Landwehr, sondern „Wehren und Wurm” haben dieselbe indogermanische Sprachwurzel “uer”= Winden, flechten, mit einem Flechtwerk, Zaun, Schutzwall umgeben). Wer weiß, ob auch diese Landwehr – wie derer so viele – gar mindestens zeitweilig eine sowohl Territoriums- als auch Glaubensgrenze war?

Die Arbeitsleistung für die über mehrere Kilometer verlaufende Boitiner Landwehr muß für mittelalterliche Verhältnisse sehr groß gewesen sein, denn neben den Pflanzungen war es vor allem die Anlage des Wall-Graben,-System, die eine besondere Herausforderung für die Gemeinschaft darstellte (exemplarisch dient dazu eine Abhandlung über die nach 30-jähriger Errichtungsphase 1377 fertiggestellte Stadtlandwehr von Osnabrück; die Boitiner Landwehr ist also nur zwei Jahre älter). Alle arbeitsfähigen Männer im damaligen Stadtgebiet von Osnabrück wurden dafür zur Mitarbeit herangezogen. Folgende fiktive Rechnung verdeutlicht, welch immense Arbeitsleistung für die 18 Kilometer lange Anlage nötig war: „Für einen Doppelwall mit drei Gräben sind ca. 6,5 Kubikmeter Boden zu lösen, aufzuwerfen und zu formen. Für eine Strecke von 18 Kilometer müssen etwa 120.000 Kubikmeter Boden bewegt werden. Eine Arbeitskraft schafft mit den damals sicher noch einfachen und schweren Geräten (Hacke, Spaten, Schaufel) pro Stunde etwa 0,25 Kubikmeter, an einem Arbeitstag von acht Stunden vor Ort also zwei Kubikmeter. Geht man von einer Kolonne von 10 Arbeitskräften aus, so sind das 20 Kubikmeter Landwehr je Arbeitstag. Berücksichtigt man Sonn- und Feiertage, Schlechtwetter, Winterzeit und notwendige eigene Arbeitspflichten der Tätigen, so wird es im Jahr rund 200 Arbeitstage an der Landwehr gegeben haben.. In dieser Zeit stellen 10 Arbeiter 600 Meter Wall- und Grabensysteme her – die gesamte Aufgabe wäre in 30 Jahren bewältigt”.

Die Überreste sämtlicher mittelalterlichen Landwehre sind heute generell potentiell stark gefährdet und somit auch die Boitiner Landwehr (bereits seit 1954 besitzt sie aufgrund dessen den behördlichen Status „geschütztes Bodendenkmal”). Bereits im 18. und 19. Jahrhundert sind viele Landwehren durch Rodung aus der Feldmark verschwunden oder wurden in das entstehende Wallheckennetz integriert. Landverkäufe oder eine Intensivierung des Holzeinschlages taten ihr Übriges. Viele Landwehrreste finden sich nur noch in größeren oder kleineren Wäldern. In Fällen von nicht standortgerechter Forst-, und Landwirtschaft oder intensivem Einbezug in die Freizeitgestaltung kommt es zu besonders großen Konflikten beim Landwehrschutz. Teilweise führen Reit- und Wanderwege direkt über eine Landwehr oder die Wälle werden von Mountainbikern befahren. Es gibt sogar Landwehrverläufe, die in der Vergangenheit unwissentlich als „Trimm-Dich-Pfad” erschlossen wurden. Erosionsschäden sind die Folge und so verschwinden die letzten Landwehrreste zunehmend aus der Landschaft. Eine Unterschutzstellung als Bodendenkmal oder ein Eintrag in das Biotopkataster sind zwar wichtig, aber vor Ort lösen sie die Nutzungskonflikte nicht immehr. Im rechtskräftigen Landschaftsplan für das gesamte Gemeindegebiet von Lüdersdorf wurde der Boitiner Landwehr weder eine besondere Beachtung unter Naturschutzgesichtspunkten gewidmet (was mit ihrer dortigen marginalen „Kurzstrecke” von nur 250 m zusammenhängen könnte) noch Lösungskonzepte mit einer Mischung aus Bürgerinformation und Schutzausweisung erarbeitet (nachrichtlich wurde allerdings darauf verwiesen, daß sie in der Denkmalliste aufgeführt ist). Da heute verständlicherweise keine neuen Landwehren mehr angelegt werden, kommt es durch eine natürliche Überalterung der Vegetationsbestände zu einem weiteren Verlust der typischen Charakteristik der Landwehren. Grundwasserabsenkungen und Grabenverfüllungen tun ihr Übriges und so verschwinden zunehmend diese naturkundlich wie archäologisch wertvollen Strukturen aus der Landschaft.

Die Boitiner Landwehr ist ein historisch interessantes Kulturlandschaftselement und genießt aufgrund dessen also staatlichen Bodendenkmalschutz. Dieses handwerkstechnisch errichtete „Kunstbauwerk” spiegelt die mittelalterliche Lebenswirklichkeit wider und somit verfügt es über eine überregionale Bedeutung für die Territorial-, Wirtschafts-, und Sozialgeschichte der Menschen.  Sie entwickelte sich von der mittelalterlich ausgehenden, epochenübergreifenden Wehranlage zum nunmehr bedeutsamen Biotop. Überwiegend sind ihre heute noch erhaltenen Reste von Gehölzen bestockt, die oft mehrstämmig sind, zum Teil ein sehr hohes Alter und manchmal bizarre Formen aufweisen. Viele dieser Gehölze, die im Wald oder am Waldrand erhalten geblieben sind, genießen darüber hinaus auch nach dem Bundeswaldgesetz einen besonderen Schutz. Von der ursprünglich dichten Strauchvegetation, die die Landwehr so undurchdringlich machte, ist heute meist nicht mehr viel vorhanden. Die Baumarten haben sich durchgesetzt (je nach Standort vorzugsweise Eichen, manchmal auch Buchen sowie viele, z.T. sehr alte Hainbuchen ergeben ein waldsaumähnliches Bild. Oft finden sich im dicht gewordenen Unterwuchs oder am Rand noch Arten der Strauchschicht (z.B. Weißdorn, Ilex, Hasel, Schlehe). Aufgrund ihrer Jahrhunderte andauernden Nutzungskonstanz erinnert sie mitunter an einen alten Waldstandort mit unterschiedlich feuchten Lebensräumen auf kleinstem Raum. Wegen ihrer relativ großen Breite, die deutlich größer ist als bei den meisten Wallhecken, kommt ihr, vor allem bedingt durch ihr spezifisches Mikroklima und ihrer Nutzungskontinuität, eine wichtige Funktion als „Korridor” im Austausch von Arten zu. Die vier vorgenannten verbliebenen Teilstücke der Boitiner Landwehr weisen zusammengenommen ein annähernd 4, 5 km langes „Grünes Band” auf. So kommt ihrer Erhaltung nicht nur aus bodendenkmalschützerischen, sondern auch aus ökologischen Gründen eine besondere Bedeutung zu und stellt somit auch ein wichtiges Objekt der Heimatpflege dar.
W. Wissen, Betriebswirt für ökologische Agrarwirtschaft
Quellen:
–  Landwehren und Landhemmen/Über Grenzen und Grenzmarkierungen im alten Mecklenburg, Mecklenburg-Magazin (Beilage der Schweriner Volkszeitung/SVZ), Nummer 9, Seite 9, Mai 2001
-Touristischer Führer zu Boden- und Baudenkmalen im Landkreis Nordwestmecklenburg/NWM, Hrsg.: Landkreis NWM: Schulverwaltungs- und Kulturamt/Sachgebiet Kultur und Denkmalpflege und
Verein der Freunde und Förderer von Heimatpflege und archäologischer Denkmalpflege NWM e.V. 1998
– Landwehren – im Schnittpunkt von Archäologie und Landesgeschichte, Hrsg.: Landschaftsverband Westfalen-Lippe, in Zusammenarbeit mit dem landeskundlichen Institut Westmünsterland, Münster 2007
– Bernd Tenbergen: Landwehren und Stadthagen – Entstehung, Entwicklung und aktuelle Bedeutung in Westfalen-Lippe, Hrsg.: Westfälischer Heimatbund, 4/1997 (Jahrgang 10)
– Wikipedia: „Das Land Boitin”
-Willi Wissen: Die Haffen`sche Landwehr – Ein seit Jahrhunderten bewährtes Entwässerungssystem, ökologisches Kleinod und schützenswertes Bau- und Bodendenkmal am unteren Niederrhein, Hrsg.: Naturschutzbund Deutschland/NABU, im Magazin „Naturschutz heute“ 4/2010
 
 

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Datum
08.09.2017



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