Umwelt & Aktiv

Das Magazin für gesamtheitliches Denken

Das Magazin für ganzheitliches Denken

Umweltschutz, Tierschutz, Heimatschutz

Waldgang statt Arztpraxis

750372_web_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.de

Waldweg am Morgen

„Die Natur ist die beste Apotheke“, stellte der bekannte Hydrotherapeut Sebastian Kneipp zutreffend fest. Insbesondere der Wald ist nicht allein kultureller Fluchtpunkt deutscher Romantik, sondern eine regelrechte Freiluftheilanstalt. So mancher kennt und schätzt noch die seit alters her bekannten Wirkstoffe, wie beispielsweise diverse durchblutungsfördernde ätherische Nadelbaum-Öle, man denke nur an den Franzbranntwein, die zur Anwendung bei Rheuma, Gicht, Muskel- und Gelenkschmerzen empfohlen werden. Oder erinnern wir an die stoffwechselanregende und belebende Wirkung von Flavonoiden, Saponinen und Gerbstoffen der Birke. Nicht zu vergessen das Linderungsvermögen der Linde bei Erkältung und grippalen Infekten durch die schleimlösende und entkrampfende Wirkung des Lindenblütentees. Doch reicht die heilsame Wirkung des Waldes an sich weit über derartige Einzeleffekte hinaus. In der Regel führt man die heilenden und wohltuenden Wirkungen von Waldaufenthalten in der Natur auf Entspannung und Stressabbau zurück, doch wissenschaftliche Forschungen haben inzwischen gezeigt, daß noch wesentlich mehr dahintersteckt.

Überall im Wald kommunizieren Bäume untereinander und tauschen chemische Substanzen aus, auf die unser Immunsystem auf ähnliche Weise wie die Pflanzen zu reagieren in der Lage ist. Die Waldflora gibt sprichwörtlich spürbar pflanzeneigene Wirkstoffe, sogenannte Phytonzide, mit vergleichbar antibiotischer Wirkung an seine Umgebung ab, die auch der Mensch einatmend – lateinisch entlehnt „inspirierend“ – in sich aufnehmen kann. Die Konzentration der Wirkstoffe ist im Sommer am höchsten. Sie steigt im April/Mai stark an und erreicht ihr Maximum im Juni und August. Auch im Waldesinneren und in Bodennähe ist sie höher als am Waldrand oder in den Baumwipfeln. Bei feuchtem Wetter, nach Regen und bei Nebel befinden sich außerdem besonders viele dieser auch Terpene genannten biochemischen Verbindungen in der Waldluft. Man könnte auch kurz sagen: mein Freund der Baum, mein Arzt der Wald. In Japan hat man seit den 1980er Jahren sogar den prägnanten Begriff „Shinrin-yoku“ geprägt, was in etwa mit „Waldbaden“ zu übersetzen wäre. „Shinrin-yoku“ wird dort von offiziellen Stellen als therapeutische Anwendung anerkannt und inzwischen seit vielen Jahren wissenschaftlich untersucht. 2012 wurde an japanischen Universitäten sogar ein eigener Forschungszweig für „Waldmedizin“ eingerichtet. Professor Qing Li von der Nippon Medical School in Tokyo konnte bereits nachweisen, daß in bewaldeten Gebieten weniger Menschen an Krebs sterben als in Regionen ohne Wald.

In Anlehnung an das zwar politisch konnotierte Essay „Der Waldgang“ von Ernst Jünger, worin die Frage thematisiert wird, wie sich der Mensch innerhalb der Katastrophe verhält, könnte man in bewußt zweideutiger Hinsicht die Feststellung treffen, dass mehr Waldgänger ein positiver Beitrag zu einer gesunden Gesellschaft wären. – Privat für sich zu Hause empfiehlt „Umwelt und Aktiv“ darüber nachzudenken, inwiefern nach einer Befassung mit dem Thema Waldmedizin evtl. die eigene Gartengestaltung auch zu einem Stück Heilgarten entwickelt werden kann.

Gerhard Keil

 

Bildquelle: 750372_web_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.de

Verwandte Artikel:

  • Keine gefunden

Artikel-Metadaten

Datum
19.02.2016

Kategorie



Kommentare sind nicht mehr zugelassen.




;