Umwelt & Aktiv

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Umweltschutz, Tierschutz, Heimatschutz

Wenn Heimat plötzlich nicht mehr Heimat sein darf!

Sudetenland – gestern, heute morgen (Teil I)

Schwarzwald-Höhen im Herbst

Schwarzwald-Höhen im Herbst

Der Umweltschutzbegriff kann in unterschiedlicher Breite Verwendung finden und umfaßt aus ganzheitlicher Sichtweise nicht nur eine von jeglichem Bezug losgelöste Naturlandschaft an sich, die in rein wissenschaftlicher Leidenschaftslosigkeit zu analysieren wäre, ohne die für eine wertende Beurteilung nötige emotionale Hinwendung mit in Betracht zu ziehen. Vielmehr kann der Umweltschutzbegriff eigentlich nur wirklich sinnerfüllt sein, indem über die Momentaufnahme hinausgehende weitreichende Beziehungsgeflechte impliziert werden. In dieser Betrachtungsweise lösen sich dann erst vermeintliche Gegensätze zwischen Natur- und Kulturlandschaft auf, um im Bezugsrahmen des Empfindens als Heimat die Schutzwürdigkeit vom ethisch abstrakten Imperativ auf das konkrete praktische Wollen herunterzubrechen. So verstanden nimmt allerdings Umwelt auch dann Schaden, wenn ihre originäre Heimatqualität abnimmt oder verloren geht. In diesem Sinne steht es einem Magazin das gesamtheitlich Natur- und Heimatschutz zusammenzudenken gewillt ist, gut zu Gesicht, sich speziell mit Regionen zu befassen, in deren jüngeren Geschichte die Heimatvertreibung zum Zwecke eines Bevölkerungsaustauscsh als der größte Umwelt- bzw. Lebensraumeingriff zu beklagen waren. Einer von mehreren die Deutschen betreffenden solcher Lebensräume ist das Sudetenland.

 

Sowenig ein ernstzunehmender Naturschutz die Artenvielfalt im Tierreich aus den Augen verlieren darf, ebenso wenig darf er die Völkervielfalt gering schätzen, und ist aufgerufen, mit beider Biotope verantwortungsvoll umzugehen. So sehr sich die in Rede stehende Region an Kulturgütern und Naturdenkmälern auszeichnet, weist die jüngere Geschichte einen tragischen Verlauf auf. 3,5 Millionen Sudetendeutsche gerieten mit dem Ende des Ersten Weltkriegs unter Fremdherrschaft im Vielvölkerkunststaat CSR, worauf nach dem Zweiten Weltkrieg dann die fast vollständige und in zahllosen Fällen physisch vernichtende Heimatvertreibung folgte. Dennoch finden sich sogar heute noch deutsche Spuren, nicht allein vieler Kulturgüter, sondern in geringem Maße selbst noch in der Bevölkerung. In der westböhmischen Karlsbader Region lebt, wenngleich mit gerade einmal knapp 3 % bereits der relativ größte Anteil Deutscher an der Gesamtbevölkerung in Tschechien, wobei hier wiederum der Bezirk Falkenau mit 4,5 % hervorragt. Im Jargon des biologischen Artenschutzes gesprochen, stünden in diesen ehemals von Deutschen bewohnten Gebieten die Deutschen auf der roten Liste. Die zahlenmäßig umfangreichste deutsche Minderheit lebt heutzutage mit etwa 9500 Personen in der nordböhmischen Aussiger Region, die sich auf tschechisch heute Ústecký kraj nennt. Im Gebiet der Aussiger Region befinden sich mit dem Nationalpark Ceské Svýcarsko in der Böhmischen Schweiz, den Landschaftsschutzgebieten Elbsandsteingebirge , Böhmisches Mittelgebirge, Lausitzer Gebirge und Daubaer Schweiz eine Reihe geschützter Landschaften sowie 136 weitere als Naturreservate und Naturdenkmäler geschützte Gebiete. Ungeachtet dessen gehört das Aussiger Gebiet jedoch zu den Kreisen mit den größten Umweltschäden des heutigen Tschechien. Neben der allgemeinen nach dem Zweiten Weltkrieg forcierten Industrialisierung war es vor allem der Braunkohle-Tagebau, der die Umwelt in dem als Kohlepfanne bezeichneten Nordböhmischen Becken immens belastete. Nichtzuletzt die dadurch verursachten Emissionsbelastungen führten in den 1970er-Jahren zu einem gravierendem Waldsterben. Die Folgen dieser ökologischen Sünden wirken trotz Rekultivierungsbemühungen und Emissionsreduzierung bis zum heutigen Tage nach.

 

Doch zum Erfassen des Sudetenlandes neben ökologischen Aspekten auch aus der Heimatperspektive der zur Minderheit geratenen vormaligen Mehrheitsbevölkerung sei zum besseren Verständnis ein historischer Exkurs vorgenommen. Im 12. und 13. Jahrhundert kamen Wellen deutscher Zuwanderer in die beiden Länder Böhmen und Mähren, die die damals in Deutschland entwickelte Stadtkultur mit all ihren Eigenschaften wie Zünften, Handwerken und vor allem deutschem Stadtrecht unterschiedlicher Prägung mitbrachten. Zumeist wurden die Städtegründungen nach Magdeburger und Nürnberger Stadtrecht vollzogen. Seit dem 12. Jahrhundert waren das unter der Böhmischen Krone politisch miteinander vereinte Böhmen und Mähren bis 1806 Teil des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Seit 1804 gehörten sie dem Kaisertum an. Als dieses durch den österreichisch-ungarischen Ausgleich von 1867 zu Österreich-Ungarn wurde, gehörten Böhmen und Mähren zur westlichen Reichshälfte, dem k.k. Österreich, wobei das Wort königlich sich nunmehr auf die Böhmische Krone bezog. Der Gebirgszug der Sudeten, das nördliche Grenzgebirge der österreichischen Länder Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien zum deutschen Sachsen und Schlesien, war im 19. Jahrhundert Namensgeber für die topographische Bezeichnung „Sudetenland“. Dieser Begriffsdefinition folgte auch die Namensgebung der Provinz Sudetenland, die am 29. Oktober 1918 von deutschsprachigen Vertretern aus der Region gemäß dem Selbstbestimmungsrecht der Völker und dem 14-Punkte-Plan gegründet worden war – die Ausrufung der österreichischen Provinz Sudetenland erfolgte einen Tag später -, mit dem Ziel des Anschlusses an Deutschösterreich und an das Deutsche Reich, um sich der Fremdbestimmung durch den neuen tschechoslowakischen Staat zu entziehen. Am Dienstag, den 4. März 1919 demonstrierte anläßlich des Zusammentretens der Nationalversammlung der Republik Deutsch-Österreich fast die gesamte sudetendeutsche Bevölkerung begleitet von einem eintägigen Generalstreik friedlich für ihr Selbstbestimmungsrecht. Die Entsendung der sudetendeutschen Abgeordneten wurde durch Beschluss der Siegermächte des Ersten Weltkrieges verwehrt. Eine Bestimmung des Vertrages von Saint-Germain vom 10. September 1919 war, daß Böhmen, Mähren, Österreich-Schlesien und einige Gemeinden Niederösterreichs an die neu gegründete Tschechoslowakei gehen, wodurch das Selbstbestimmungsrecht der deutschsprachigen Bevölkerung im Sudetenland mißachtet wurde.

 

In der CSR beispielsweise lebten 3,5 Millionen Sudetendeutsche. Und obwohl beispielsweise die Sudetendeutsche Partei (SdP) 1935 die zweitstärkste politische Kraft war, blieben jedoch ihre Forderungen nach Gleichberechtigung unberücksichtigt, da die tschechische Führung der CSR sich durch ein – vornehmlich gegen das Deutsche Reich gerichtete – Bündnisgeflecht mit Frankreich und der Sowjetunion in ihrem Bestand auch ohne Rücksichtnahme auf nichttschechische Bevölkerungsteile sicher fühlte. Dies fand unter anderem seinen Ausdruck, indem die Gewerbefreiheit und Freizügigkeit in den sudentendeutschen Siedlungsräumen eingeschränkt sowie Entlassungen deutscher Arbeiter aus bestimmten Industriezweigen veranlaßt wurden. Am 20. Februar 1938 forderte Hitler öffentlich das Selbstbestimmungsrecht für die Deutschen in der CSR, was auf die Ablehnung der Alliierten stieß, insbesondere Frankreichs, das derartige Referenden aus Sorge um das Elsaß scheute. Am 24. April 1938 forderte die SdP einen autonomen Status der Sudetendeutschen, jedoch innerhalb einer föderativ zu gestaltenden CSR. Ebenfalls im April besprachen Frankreich und England schon mögliche Kriegspläne gegen Deutschland im Falle dessen Eingreifens in der Sudetenfrage. Die Antwort der CSR war eine Teilmobilmachung am 20. Mai 1938 der Streitkräfte! Im September 1938 verhängte Staatspräsident Benesch das Standrecht über 13 sudetendeutsche Kreise, im Zuge dessen viele Tote unter den Sudetendeutschen zu beklagen waren. Am 14.09. wurde in Eger der Sitz der Sudetendeutschen Partei, das Hotel „Victoria“, mit tschechischen Geschützen beschossen, woraufhin der der Vorsitzende der Sudetendeutschen Partei, Konrad Henlein, am 15.09. erstmals ans Stelle der Forderung nach einem Autonomiestatus formulierte: „Wir wollen heim ins Reich!“ In diesem Kontext klang dies auch nicht nach einer chauvinistischen Forderung, sondern vielmehr nach einem Ruf der Verzweiflung!

 

Angesichts der zunehmend eskalierenden Lage, und um nicht eine Ausweitung des Rufs nach Selbstbestimmung innerhalb der Versailler Kunststaaten zu provozieren, bot unter Premier Chamberlain England (!) Hitler doch die Abtretung des Sudetenlandes an, jedoch nach dem Willen Englands ohne Volksabstimmung. Letztendlich war somit die Abtretung der sudetendeutschen Gebiete an das Deutsche Reich am 29. September 1938 ein völkerrechtlich nicht zu beanstandendes Abkommen zwischen England, Frankreich und der Tschechoslowakei ohne jegliche Beteiligung der deutschen Reichsregierung. Wobei dennoch nicht unerwähnt bleiben sollte, daß Benesch noch wenige Tage zuvor, am 23.09. die Generalmobilisierung befahl. Die CSR wurde aufgrund seiner zunehmenden Nationalitätenkonflikte mit den ungarischen, polnischen und ruthenischen Bevölkerungsteilen immer instabiler, Benesch floh ins amerikanische Exil und sein Nachfolger Hacha beendete endlich dessen Konfrontationskurs mit dem Deutschen Reich. Im Münchner Abkommen vom 30.09.1938, das einem englisch-französischen Acht-Punkte-Vorschlag vom 18.09. weitgehend gleichkam, wurde eine Anerkennung der Grenzen der CSR vereinbart, allerdings erst nachdem (!) die Nationalitätenfragen, insbesondere mit Polen geklärt wären – so weit ließ es jedoch die Geschichte aufgrund des sich beschleunigenden CSR-Zerfalls nicht einmal mehr kommen. Es war im Übrigen England, das Hacha in dieser staats- und völkerrechtlich verworrenen Lage der (Rest-)Tschechoslowakei an Deutschland verwies. Im nördlichen größten Teil der nach dem Münchner Abkommen am 1. und 2. Oktober 1938 eingegliederten Randgebiete wurde durch Gesetz vom 14. April 1939 der Reichsgau Sudetenland mit der Hauptstadt Reichenberg geschaffen. Er setzte sich im Wesentlichen aus der ehemaligen Provinz Sudetenland und der ehemaligen Provinz Deutschböhmen zusammen und bestand bis zum am 8. Mai 1945. Wirtschaftlich profitierte die Tschechei von diesem Schritt, da während der Zeit des Protektorats in der Tschechei die höchsten Löhne in der bis dahin tschechischen Geschichte bezahlt wurden. Anders als vergleichsweise in Ägypten, dem England 1936 ein Protektorat aufnötigte. Nach Kriegsende wurden etwa 3 Millionen Sudetendeutschen vertrieben, wobei nach einigen Untersuchungen die Zahl der Todesopfer nahezu eine Viertelmillion erreicht haben soll.

 

Nach diesem historischen Abriß dürfte deutlich geworden sein, daß Deutschland zu weiten Teilen des heutigen tschechischen Staatsgebiets enge geschichtliche Bezüge aufweist und hinsichtlich politischer Fehlentwicklungen die einseitige Fehlersuche zulasten Deutschlands unangebracht ist. Immer wenn etwas Autochthones, Traditionelles, Identitätsstiftendes verloren geht oder zerstört wird, ist der Heimatschutz als Bestandteil des Umweltschutzes nicht ausreichend. Und dort, wo es dem Bewußtsein für Heimatschutz ermangelt, bleibt auch der Umweltschutz unvollständig. Um das Sudetenland heimatgeschichtlich zu beschreiben, bedarf es, da dort vor 1945 vorwiegend nicht Tschechisch gesprochen wurde, auch der Erwähnung der ursprünglichen Mundarten. Die verschiedenen sudetendeutschen Dialekte lassen sich in fünf Mundartlandschaften unterteilen. In Südmähren, dem unteren und mittleren Böhmerwald, Schönhengst, den Sprachinseln von Budweis, Wischau, Brünn und Olmütz wurde Mittelbairisch gesprochen, während in Westböhmen mit dem Egerland das oberpfälzische Nordbairisch erklang. In der Inglauer Sprachinsel als Mischdialekt mit dem Ostsächsichen. Das Ostfränkisch reichte  von Nordwestböhmen über das Erzgebirge bis in die Gegend von Bamberg und war auch noch im Schönhengst und im mittleren Nordmähren vertreten. In Nordböhmen östlich von Tetschen-Bodenbach, Ostböhmen, Nordmähren und Sudeten-Schlesien war das Lausitz-Schlesisch vorherrschend sowie das Obersächsisch in Nordböhmen westlich von Tetschen-Bodenbach. Diese Stimmen sind im Sudetenland verklungen, doch erinnert eine Wanderausstellung „Verschwundenes Sudetenland“ bzw. eine gleichnamige Publikation der tschechischen Bürgerinitiative Antikomplex daran, daß hier Heimat verloren ging. Basierend auf historischen sowie aktuellen Fotos wird die Veränderung derjenigen Gebiete dokumentiert, die die deutsche Bevölkerung nach 1945 fast komplett zu verlassen gezwungen wurde. Demnach sind allein in den Grenzgebieten schätzungsweise etwa 3000 Gemeinden, Gemeindeteile und Einzelhöfe untergegangen. Nachdem die deutsche Minderheit im heutigen Tschechien nur knapp 40.000 Angehörige zählt, ist es der jüngeren Generation kaum vorstellbar, daß noch vor dem Zweiten Weltkrieg Prag als eine Stadt galt, in der weltweit das schönste Deutsch gesprochen wurde, und in der Literaten wie Egon Erwin Kisch und Franz Kafka in deutscher Sprache schrieben. Das deutsche Bürgertum hat mit seiner Kultur das Stadtbild Prags unverkennbar geformt. Obwohl sein Anteil in der Mitte des 19. Jahrhunderts von dem der Tschechen aufgewogen wurde und seither weiter zurückging, hielt sich in der Stadt mit der ersten deutschen Universität in der Geschichte bis 1945 auch dort noch ein bedeutendes deutsches Kulturleben.

 

Auch für die deutschsprachigen Künstler, die sich in der Regel als Teil der österreichischen Kunstszene verstanden, bedeutete die neue Situation nach 1918, einer nationalen Minderheit anzugehören, eine gravierende Veränderung. So organisierten sich in Folge Maler und bildende Künstler in eigenen Verbänden, wie beispielsweise dem Metznerbund. Der in Böhmen geborene Franz Metzner war ein österreichischer Bildhauer, der 1886 in Pilsen eine Lehre zum Steinmetz begann. 1920 gründeten in Böhmen deutsche Künstler in Erinnerung an ihn den „Metzner-Bund“, der bis 1945 bestand. Als weitere sudetendeutsche Vertreter der bildenden Kunst zählen Balthasar Neumann, Alfred Kubin, Ferdinand Staeger, Oskar Kreibich, Heribert Losert, Josef Maria Olbrich und Ferdinand Tietz zu den Bekannteren ihrer Zunft. Doch auch in den Bereich der Literatur wirkten sudetendeutsche Schriftsteller und Dichter prägend hinein. Exemplarisch ist in diesem Zusammenhang Johannes von Saaz, der Schöpfer des „Ackermann aus Böhmen“, der ersten Dichtung in neuhochdeutscher Sprache von 1401 zu nennen. Aber ebenso sind an dieser Stelle zu erwähnen Marie von Ebner-Eschenbach, Adalbert Stifter, Berta von Suttner, Rainer Maria Rilke, Gertrud Fussenegger oder Otfried Preußler. Das sudetendeutsche Musikschaffen repräsentieren keine Geringeren als Gustav Mahler, Christoph Willibald Gluck, Johann Wenzel Stamitz, Fidelio Finke oder Walter Hensel. Und auch für die Geistes- und Naturwissenschaften oder die Technik leisteten Sudetendeutsche ihren Beitrag, wie die Nobelpreisträger Carl und Gerty Cori und Herwig Schopper oder auch der Konstrukteur des Volkswagens und berühmter Rennwagen, Ferdinand Porsche, der Erfinder der Schiffsschraube, Josef Ressel, und der Entdecker der Erbgesetze, Gregor Mendel hinreichend unter Beweis stellen. All diese sudetendeutschen Persönlichkeiten prägten mit ihrem Schaffen nicht allein die sudetendeutsche Heimat, sondern wirkten damit weit darüber hinaus. Ein Balthasar Neumann aus Eger beispielsweise schuf Kirchen und Residenzen in ganz Süddeutschland.

 

Das Egerland, eine reiche Landwirtschaft gab dem Egerland seinen bäuerlichen Charakter. Die Weltbäder Marienbad, Karlsbad und Franzensbad – die sogenannten „Perlen des Egerlandes“ – waren für zwei Jahrhunderte kulturelle und vor allem gesellschaftliche Zentren, an deren Glanz heute nur noch die Bauten erinnern. Auch wenn es keiner Protagonisten für die Attraktivität der Böhmischen Kurbäder bedürfte, spricht doch der regelmäßige Besuch der vielleicht kunstsinnigsten Persönlichkeit der deutschen Geschichte für sich: In den Jahren zwischen 1785 und 1823 unternahm der unvergleichliche Altmeister aus Weimar, Johann Wolfgang von Goethe, 17 mehrwöchige Reisen nach Böhmen, deren Dauer zusammengerechnet gut drei Jahre ergibt. Zunächst führte ihn sein Weg nach Karlsbad und in dessen nähere Umgebung, später dann nach Teplitz, Franzensbad und Eger. Und ab 1821 bis 1823 verbrachte Goethe die Sommer hauptsächlich in Marienbad. In Marienbad war es auch, wo sich der alte Goethe zum letzten Male in seinem Leben unsterblich verlieben durfte. Und wenngleich sich sein Traum mit der blutjungen Ulrike von Levetzow nicht erfüllen sollte, lag darin die Geburtsstunde seiner „Marienbader Elegie“, dem mit 23 Strophen zu je sechs Versen in höchstem Maße eindrucksvollen lyrischen Werke einer erschütternde Wehklage über das verlorene Paradies der Liebe, wie es vergleichbar vielleicht die Heimatvertriebenen zeitlebens ihrem Sudetenland gegenüber empfinden.

 

Am Mittellauf der Eger weitet sich das Land zum Saazer Becken mit warmem Klima und sandigen Böden, die den unentbehrlichen Rohstoff des Pilsener Bieres, den weltberühmten Saazer Hopfen hervorbringen. Die Gegend ist zwar weltweit für seine Biere bekannt, doch auch die Weine aus Böhmen und Mähren müssen den Vergleich nicht scheuen. Dies verdeutlichte unlängst erst eine Ausstellung im Weinsalon von Schloss Feldsberg, im Zuge derer die 100 besten Weine des Jahres 2016 ausgezeichnet wurden. An dem Wettbewerb hatten sich immerhin 200 Weingüter mit insgesamt fast 1.500 Weinen beteiligt. Der Weinsalon in dem südmährischen Schloss wurde Anfang 2000 aus Mitteln der Europäischen Union und des Landwirtschaftsministeriums der Tschechischen Republik ins Leben gerufen, um die Qualität der heimischen Tropfen nach internationalen Standards beurteilen zu können und ihren Bekanntheitsgrad zu steigern. Weine, die an dem Wettbewerb teilnehmen, dürfen ausschließlich aus heimischen Trauben erzeugt werden. Diese „tschechischen“ heimischen Trauben wachsen nach wie vor in Südmähren nahe der Grenze zum vormals niederösterreichischen Heimatland und dienen der Reputation eines der bekanntesten Weingüter Tschechiens, das Förderung aus denjenigen EU-Töpfen erfährt, die maßgeblich vom Hauptnettozahler Deutschland befüllt werden. Weinliebhaber können bei ihrem Besuch zudem die Innenräume des barocken Schlosses besichtigen, das bis 1945 den Fürsten von Liechtenstein gehörte. Die Anlage ist gemeinsam mit dem ebenfalls früher zum Besitz des Hauses Liechtenstein gehörenden Schlosses von Eisgrub Teil der Kulturlandschaft Lednice-Valtice, die zum Welterbe der UNESCO zählt…

FORTSETZUNG FOLGT: Im zweiten Teil werden die das Sudetenland betreffenden Euroregionen, bedeutende Naturschönheiten, touristische Kulturattraktionen und überraschende Rückkehrer behandelt.

Gerhard Keil

Foto: 753872_web_R_K_B_by_Rainer-Sturm_pixelio.de_.jpg

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Datum
10.06.2016

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