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Ein Grundeinkommen für Selbstversorger?

Im Gespräch mit Michael Beleites

Michael Beleites, geb. 1964, lebt als Gärtner und Publizist in der Nähe von Dresden. In den 1980er Jahren wirkte er in der unabhängigen Umweltbewegung der DDR und machte die Folgen des sowjetischdeutschen Uranbergbaus öffentlich. Von 2000 bis 2010 war er Sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Mit seinem Buch „Umweltresonanz“ (2014) zeigte er auf, dass der Zusammenhang zwischen ökologischem Milieu und genetischer Variation unabhängig von Selektion ist.

Sehr geehrter Herr Beleites, Sie sagen, daß nicht „Kampf und Konkurrenz“ oder wie Darwin es sagen würde „Reproduktion und Selektion“ für die Überlebensfähigkeit einer Art ausschlaggebend sind, sondern deren innerartliche Kommunikation. Aber ist es nicht so, daß der Affe, der besser als sein Artgenosse klettern kann, eben nicht vom Tiger gefressen wird (Selektion) und damit anschließend erst sein Erbgut (Reproduktion) weitergeben kann? Was hat Kommunikation damit zu tun?

Zunächst ist ja festzustellen, daß die allermeisten Artmerkmale selektionsneutral sind: Daß die Blaumeisen deswegen einen blauen und die Kohlmeisen einen schwarzen Scheitel hätten, weil ihnen das irgendwelche Vorteile im „Kampf ums Dasein“ brächte, ist ein naiver Kinderglaube. Wenn Arten sich evolutiv verändern, dann nicht durch eine Auslese mutierter Einzelindividuen, sondern durch eine gleichsinnige und mehr oder weniger synchrone Veränderung der Gesamtpopulation.

Eine Häufung von Mutationen, also einen degenerativen Zerfall der Arten, können wir überall dort beobachten, wo die Zugänglichkeit zu natürlichen Umweltinformationen eingeschränkt ist: In den Zentren der großen Städte ebenso wie in Gefangenschaft. Hieraus schließe ich, daß nicht die Anwesenheit von Fuchs und Falke die genetische Konstitution der Arten in ihren spezifischen Bahnen hält, sondern ein intaktes Resonanzverhältnis zum ökologischen Milieu und zu den natürlichen jahres- und tageszeitlichen Rhythmen. Zusammen mit der inner- und zwischenartlichen Kommunikation ermöglicht die Wahrnehmung dieser Rhythmen erst die Aktualisierung der artgemäßen Verhaltensmuster, die eine ökologische Integration erlaubt. Ich bezeichne dies als Umweltresonanz. Wenn Tiere oder Pflanzen sich jedoch in das Ökosystem, dem sie angehören, nicht richtig integrieren können, also ihre Teilhabe an inner- und zwischenartlichen Kommunikation behindert ist, kommt es zwangsläufig zu Verhaltensstörungen. Und die führen früher oder später zu Störungen ihrer Gestaltmuster, die wiederum funktionelle Einschränkungen nach sich ziehen. Letztlich geht es bei der Frage nach der Kommunikation immer auch darum, wieviel ökologische Kooperation möglich ist. Und es geht um die Grundfrage alles Lebendigen: Regeneration oder Degeneration?               

Wie sähe eine solche innerartliche Kommunikation denn in Bezug auf unsere hiesige Landwirtschaft aus? Ist das „Wachsen oder weichen“ nicht schon viel zu tief in den Köpfen der Bauern?

Das Wachsen-oder-weichen-Prinzip ist bezeichnend für das System des Verdrängungswettbewerbs, das die Bauern in eine Ich-oder-Du-Konstellation zwingt. Im Idealfall ist eine Gesellschaft aber wie ein Organismus verfaßt, dessen „Organe“ zum Wohle des Ganzen kooperieren – und nicht danach trachten, sich gegenseitig zu verdrängen. Ein Organismus, dessen Organe sich in einem Konkurrenzverhältnis wähnen, entspricht der Logik einer Krebszelle – und der des Wettbewerbssystems. Diejenigen, die wirklich noch Bauern sind und bleiben wollen, wissen um die grundlegende Organfunktion der Bauern in einem gemeinschaftlichen Ganzen, das nur im Zusammenwirken funktioniert. Hier reicht ein Blick in die Vergangenheit traditioneller Bauerndörfer, wo man sehen kann, daß ein kooperatives Miteinander der Bauern nicht zum Höfesterben führte, sondern hier auch dörfliches Handwerk, Schule, Laden und Gastwirtschaft ihren Platz hatten. Nur die agrarindustriellen Akteure – und die, die solche werden wollen – sehen sich auf der Überholspur eines Wettrennens, und sie merken zu spät, daß dieser „Kampf ums Dasein“ alle sozialen und ökologischen Beziehungen aushebelt.  

Auch stellt sich mir die Frage, wie sich Landwirte der „Wettbewerbsfalle“ entziehen sollen, wenn sie sich ihren Lebensunterhalt in einer Gesellschaft erarbeiten müssen, in der Verbraucher nicht einmal bereit sind, für einen Liter Milch so viel zu bezahlen, wie für einen Liter Quellwasser? 

Die Verbraucher können nichts dafür, daß die Milch zu Spottpreisen verramscht wird. Selbst wenn sie an der Kasse einen Euro mehr zahlen würden, würde dieser nicht bei den Bauern ankommen. Auch dieser Irrsinn resultiert aus dem Wettbewerbssystem. Nämlich aus dem Unterbietungswettbewerb der Handelsketten. Und es ist auch die politische Absicht, die hinter den Agrarsubventionen steht: Es geht darum, das Essen so billig zu machen, daß die Bevölkerung mehr Geld hat, um teure Industrieprodukte zu kaufen – um das Wirtschaftswachstum anzuheizen. Auf diesem Wege ist die Wertschätzung für unsere Nahrung abhandengekommen – und mit der Herstellung billiger und schlechter Nahrungsmittel beantwortet worden. Der Anteil unseres Einkommens, den wir für das Essen ausgeben, steht in einem direkten Zusammenhang zu dem Bevölkerungsanteil, der in der Landwirtschaft beschäftigt werden kann. Nur dann, wenn wieder mehr Menschen im Landbau arbeiten, wird es wieder gute und verantwortbar hergestellte Lebensmittel geben. Es gibt Milchbauern, die auf das Kraftfutter verzichten, also ihre Kühe nicht wie Schweine füttern. Und die melken weniger, aber erheblich bessere und gesündere Milch. Wenn die Molkereien dazu bereit wären, z.B. den Gehalt an essenziellen Fettsäuren auf die Verpackung zu schreiben, dann würden die Kunden durchaus für mehr Qualität auch mehr bezahlen.

War denn nicht der fehlende Wettbewerb mitunter verantwortlich für das Scheitern der Planwirtschaft? Wie und warum sollte dies dann in der Landwirtschaft funktionieren?

Die Planwirtschaft ist gescheitert, weil der Dirigismus (Anm.d.Red.: staatl. Eingriffe in den Markt) in den kommunistischen Ländern eine freie Entwicklung der Gesellschaft verhindert hat. Ein Zwangssystem stiftet keine Gemeinschaft, in die sich der Einzelne zum Wohle aller integrieren will. Zudem gab es in der DDR die Variante des „Sozialistischen Wettbewerbs“ und eine ähnliche Vorstellung vom grenzenlosen Wachstum wie im Westen. Wenn sich eine freie Gesellschaft nicht mehr vom Wettbewerb antreiben läßt, dann wird das „organismische Prinzip“ von selbst greifen: Jeder Mensch hat das Bedürfnis nach einer fruchtbaren Integration in ein sinnvolles Ganzes, nach sozialer Resonanz. Dort, wo Resonanzbeziehungen nicht vom Wettbewerb permanent in Dissonanzverhältnisse umgekehrt werden, wird auch eine bäuerliche Landwirtschaft in ihren Innen- und Außenbeziehungen eine kooperative Verfassung annehmen – und zwar in einer Weise, die nicht das Geringste mit dem Kollektivismus der LPG-Wirtschaft zu tun hat.

In ihrem Buch fordern Sie ein Grundeinkommen für Selbstversorger. Hört sich auf dem ersten Blick nach linker Utopie an. Was verstehen Sie darunter und wie sollte das Ihrer Meinung nach umgesetzt werden? Und vor allem: wer bezahlt es und warum?

Ja, vom Standpunkt der heutigen Verhältnisse aus betrachtet, mutet das vielleicht wie eine Utopie an, allerdings eine, die jenseits der Rechts-Links-Schiene zu verorten ist. In den oppositionellen Gruppen der DDR habe ich gelernt, daß es lohnt, über „Dritte Wege“ nachzudenken. Und: daß es fatal wäre, über das Notwendige erst dann zu sprechen, wenn es aktuell „machbar“ erscheint. Da wir auf einem endlichen Planeten leben, führt an der Anerkenntnis der „Grenzen des Wachstums“ kein Weg vorbei. Wettbewerb ist der Motor eines von den realen Bedürfnissen entkoppelten Wachstums. Wenn die Grenzen des Wachstums erreicht sind und der Motor weiterläuft, kommt es zum Crash. Also müssen wir raus aus der Wettbewerbsfalle! Und Wege hin zu von Wachstum unabhängigen, nachhaltigen Lebensformen werden nicht in Büros ausgebrütet, sondern in der Praxis erprobt. Am besten dafür geeignet erscheinen mir Kleinstbauernhöfe mit einem hohen Selbstversorgungsvermögen. Menschen, die ihr Leben in die Erprobung zukunftsfähiger Lebens- und Arbeitsmodelle hineinstellen wollen, die aus der Wettbewerbsfalle herausführen, müssen dafür den nötigen Boden unter die Füße bekommen und sie müssen – zumindest teilweise – von den Zwängen des Wettbewerbssystems freigestellt sein. Daher die Idee, Land und ein Grundeinkommen für Selbstversorger zur Verfügung zu stellen, die sozial und ökologisch tragbare Lebensmodelle entwickeln wollen.

Früher oder später wird das Fortbestehen unserer Kultur davon abhängen, ob es genug Leute gibt, die die Fähigkeiten zur Selbstversorgung weitervermitteln können. Eine Gesellschaft, die robust, krisenfest und langlebig sein will, sollte auch in diese Bereiche investieren!        

Herzlichen Dank für das interessante Gespräch!

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