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Familienförderung für die intelligente Mittelschicht

dr-weissIm Gespräch mit Dr. Volkmar Weiss

Familienförderung für die intelligente Mittelschicht

U&A: Herr Weiss, Thilo Sarrazins Kassenschlager „Deutschland schafft sich ab“ zerriß die „deutsche Qualitätspresse“ vor allem wegen seiner Abhandlungen über die Vererbbarkeit von Intelligenz und den niedrigeren IQ muslimisch geprägter Einwanderer. Sarrazins Erkenntnisse beruhen dabei wesentlich auf Ihren Forschungen und Veröffentlichungen. War es eine persönliche oder wissenschaftliche Genugtuung für Sie, daß Ihre Arbeit über den Umweg Sarrazin die Republik in Diskussionen stürzte? Wie beurteilen Sie die Art und Weise, wie mit dem Thema „erbliche Intelligenz“ in der veröffentlichten Meinung umgegangen wurde?

Dr. Weiss: Sofort, nachdem Sarrazins Buch erschienen war, kamen Kollegen, Freunde und Bekannte auf mich zu und gratulierten mir. Denn jedem, der mein Buch „Die IQ-Falle: Intelligenz, Sozialstruktur und Politik“ (Graz: Stocker 2000) kannte, war klar, wer hier von wem profitiert hatte und in welchem Umfange. „Vom niedrigen IQ muslimisch geprägter Einwanderer“ steht allerdings bei mir nichts, denn die Denkkraftunterschiede der Menschen sind nicht an ihre Religionen gebunden. Hochintelligente gibt es in jedem Volk, nur mit unterschiedlichen Prozentzahlen.

Intelligenz ist auch nicht erblich, sondern muß aus den Anlagen durch Umwelt und Schule gebildet werden. Und was die Genetik des IQ, also der Denkkraftunterschiede, anbetrifft, da fehlt der veröffentlichten Meinung jeder Sachverstand. Sarrazin lief mit seinen halbverstandenen Lesefrüchten in jedes Messer.

U&A: In ihrem Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2013 forderte die SPD ein erhöhtes Kindergeld nur für Geringverdiener. Wenn Sie als Genetiker so etwas lesen, schlagen Sie entsetzt die Hände vorm Gesicht zusammen.

Dr. Weiss: Die Erfindung der Demokratien mit allgemeinem Stimmrecht, das den Umschlagpunkt vom Aufstieg zum Abstieg einer Gesellschaft nachhaltig markiert, ist die Steuerprogression. Auf derselben Parlamentssitzung, auf der 1891 in Preußen die Steuerprogression verabschiedet wurde, lag auch ein allererstes Gesetz zur Abstimmung vor, durch das Geringverdiener mit Kindern von Steuern befreit wurden. An diesem Tag begann die Züchtung der Dummheit. In der gesamten Menschheitsgeschichte war bis dahin die wirtschaftliche Tüchtigkeit der Eltern die Voraussetzung, daß ihre Kinder aufwachsen konnten. Waren die Eltern untüchtig, so sollten oder durften sie nicht heiraten; hatten sie dennoch Kinder, so war deren Schicksal meist beklagenswert und ihre Überlebenschancen gering. Das änderte sich fortan.

Wenn Sarrazin zu dem stehen würde, was er abgeschrieben hat, dann hätte er – da er ja auf seine Rechte als SPD-Mitglied so sehr pocht – sich zu diesem Punkte des SPD-Wahlprogramms kritisch und öffentlich äußern müssen. Ich habe aber davon nichts gehört.

U&A: Im Vorfeld der Bundestagswahlen 2013 forderte die NPD 500,- Euro Kindergeld nur für Deutsche.

Dr. Weiss: Jede Partei versucht in einer Demokratie ihre möglichen Wähler durch Aussichten auf eine Verbesserung zu ködern, also auch die NPD. Doch wer ist Deutscher? Hunderttausende Deutsche leben in Mischehen mit Partnern ausländischer Herkunft. Und Hunderttausende wären bestrebt, rasch die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten bei so einem Kindergeld. Da müßte man dann wieder einen Ahnenpaß einführen. Wohin das einmal geführt hat, habe ich in meinem Buch „Vorgeschichte und Folgen des arischen Ahnenpasses“(Neustadt an der Orla: Arnshaugk 2001) aus den historischen Quellen gearbeitet.

U&A: Gab es durch die Sarrazin-Debatte persönliche Auswirkungen auf Sie?

Dr. Weiss: Nachdem Frank Schirrmacher am 1.10.2010 Sarrazin in dem Interview in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ direkt gefragt hatte, welchen Anteil meine geistige Vorleistung für sein Buch hatte, setzte bei mir ein richtiger Ansturm ein. Das legt sich, wenn die Journalisten die nächste Sau durchs Dorf treiben.

Leider war mein Buch „Die IQ-Falle“ zu dem Zeitpunkt schon völlig vergriffen. Seitdem werden aber Einzelexemplare, die in die Antiquariate gelangen, zum drei- bis fünffachen des ursprünglichen Ladenpreises gehandelt.

U&A: Sarrazin reagierte auf das „Sarrazin-Gen“-Geätze der Medien, indem er in späteren Auflagen seines Buches einige der kritisierten Passagen herausnahm. Auch Sie stellen in Ihrem Buch „Die Intelligenz und ihre Feinde“ fest, daß Sarrazin zur Vergessenheit verdammt sei, da seine Thesen den Interessen der Masse zuwiderlaufen. Eigentlich ist er schon vergessen. Sein Euro-Buch hat nicht einmal ansatzweise soviel Aufmerksamkeit erlangt. Nun behauptet umgekehrt der „Gen-ethische Informationsdienst – GiD“ in seiner Ausgabe 220 (Okt. 2013), es gäbe eine zunehmende „Biologisierung der Ungleichheit“. Es gebe eine gesellschaftliche Atmosphäre, die unter anderem Sarrazins „biologisierenden Polemiken […] Raum verschafft, die in bestimmten Bevölkerungsgruppen Arbeitsunfähigkeit oder Bildungsferne genetisch angelegt sehen.“ Kurz gesagt, der aus dem seriösen linken Spektrum stammende GiD sieht Sarrazins und damit Ihre (!) Forschungen und Erkenntnisse auf dem Vormarsch. Was stimmt nun?

Dr. Weiss: Von dem Verlag vor die Alternative gestellt zu widerrufen, daß unterschiedliche Populationen unterschiedliche IQ-Mittelwerte haben, oder weitere Auflagen nicht mehr zu drucken, hat Sarrazin sich gegen die wissenschaftliche Wahrheit und für das weitere Geldverdienen entschieden. Damit begann sein moralischer Abstieg.

Wer Erlösung anbietet und sich wichtig machen und Fördergelder will, der malt nun einmal Bedrohungen und Ängste an die Wand, seien es die Biologisierer, der Klimawandel, die Neophyten, die Gentechnik, die Massenimpfung und was nicht noch alles. Manche schmieren deswegen sogar die politischen Symbole ihrer Gegner auf saubere Häuserwände.

U&A: Auf Seite 385 von „Die Intelligenz und Ihre Feinde“ scheinen Sie Sarrazin dafür zu kritisieren, daß seine Wortwahl zur Bevölkerungspolitik und Erblichkeit von Intelligenz Wasser auf den Mühlen der „linken Umverteiler“ gewesen sei. Was machte er falsch? Hätte er überhaupt etwas richtig machen können?

Dr. Weiss: Soziologen, Psychologen und Pädagogen sind sich einig, daß in gebildeten und wohlsituierten Elternhäusern überdurchschnittlich intelligente Kinder aufwachsen. Wenn nun aber viele studierte Frauen und Männer gar keine Kinder haben oder nur eins, dann können sie Kraft und Zeit auch nicht in eigene Kinder investieren und die Gesellschaft verschenkt „Humankapital“, wie der Fachbegriff dafür lautet. Stattdessen will oder muß die Gesellschaft dann Geld und Anstrengungen darauf verwenden, die zahlreicheren Kinder ungebildeter Eltern gleichziehen zu lassen. Welche volkswirtschaftliche Verschwendung! Darüber kann man auch vernünftig argumentieren, ohne die Begriffe Erblichkeit und Dysgenik überhaupt in den Mund zu nehmen.

U&A: Eigentlich sehen Sie alle staatlichen Maßnahmen als schädlich an, die Geburten weniger oder durchschnittlich intelligenter Menschen vermehren. Wo ziehen Sie die Grenzen? Ich habe Taxifahrer und Teilzeitkräfte mit guten Mathematikdiplomen kennengelernt. Und es gibt kinderreiche Familien von Eltern, die sind KFZ-Mechaniker und Verkäufer und trotzdem (oder deswegen) kümmern sie sich vorbildlich um die Bildung ihrer Kinder. Sie selbst, Herr Weiss, schildern ihre Herkunft aus einer Bergarbeiterfamilie und haben es zum Akademiker gebracht – und wiederum selbst Kinder großgezogen, die naturwissenschaftliche akademische Berufe ausüben. Wie erkennt denn ein Staat, bei wem sich Fördermaßnahmen lohnen und bei wem nicht?

Dr. Weiss: Wie die Familienuntersuchungen gezeigt haben, gibt es bei IQ 105 und IQ 124 zwei Schwellen. Einen IQ von 124 und höher haben 5% der deutschen Bevölkerung, einen IQ zwischen 104 und 124 haben 27%. Einen IQ von 124 und höher – nennen wir sie die Hochbegabten – brauchen und haben alle, die beruflich erfolgreich als Mathematiker, Informatiker, Naturwissenschaftler oder in den technischen Fächern arbeiten, aber auch die Spitzenkräfte in allen anderen Bereichen mit geistigen Anforderungen. Einen IQ von 104 bis 124 – nennen wir sie die Mittelschicht – haben alle anderen mit Abitur, aber auch der fähige Facharbeiter, Händler und Bauer und jede Sekretärin. Mit zwei Sätzen läßt sich das nur grob umreißen, in meinem Buch stehen darüber viele Seiten.

Gehen wir der Einfachheit davon aus, daß die Partnerfindung zwischen diesen Personengruppen zufällig sei und alle Partnerkombinationen die gleiche mittlere Zahl von Kindern hätten. Die Häufigkeit der Heirat zwischen zwei Hochbegabten ist dann 0,05 x 0,05 = 0,0025. Da 0,0025, also ein Viertelprozent, nur der zwanzigste Teil von 5% sind, wo kommen dann die Hochbegabten der nächsten Generation her? Die Häufigkeit der Heirat zwischen zwei Partnern der Mittelschicht ist 0,27 x 0,27 = 0,0595. Ein Viertel dieser Kinder ist hochbegabt, die Hälfte liegt wieder zwischen IQ 104 und 124, ein Viertel im gesunden Normalbereich unter IQ 105 – so das klare Ergebnis aller Familienuntersuchungen. Ein Viertel von 0,0595, das sind rund 1,5%, also rund 30% der Hochbegabten der nächsten Generation sind in ihrer Denkkraft klare soziale Aufsteiger. Wo kommen die restlichen über 60% der Hochbegabten der nächsten Generation her? Bei ihnen ist ein Elternteil selbst hochbegabt, der andere gehört der Mittelgruppe an. Ob der Vater oder die Mutter hochbegabt sind, spielt dabei für die Vererbung keinerlei Rolle, höchstens für das Einkommen der Eltern und die Sozialstatistik.

Wenn es also eine Familienförderung geben soll, dann sollte sie sich auf die gesamte Mittelschicht richten, unabhängig von irgendeinem konkret ausgeübten Beruf oder einer Tätigkeit. Nur das seltene Viertelprozent von Hochbegabtenehen zu fördern, das brächte viel zu wenig. Denn in einer offenen Leistungsgesellschaft entstammt die Mehrzahl der Hochbegabten einer jeden Generation aus der Mittelschicht der vorangegangenen Generation.

Die jede Vererbung in Abrede stellen wollen, meinen, Vererbung hätte eine statische Wirkung, wodurch die sozialen Unterschiede und die Gesellschaft verfestigt würden. Im Gegenteil: Die Spaltung der Anlagen nach den Mendelschen Gesetzen gewährleistet in jeder Generation die Mobilität der folgenden Generation, ihren sozialen Aufstieg oder Abstieg. Weil eben Macht, Besitz, eigener IQ und der IQ des Ehepartners nur teilweise zusammenpassen. Viele Männer bevorzugen einen größeren Brustumfang ihrer Partnerin gegenüber einem hohen IQ und viele Frauen einen gefüllten Geldbeutel eines dynamischen Partners gegenüber einem Mann mit wenig einträglicher Anstellung. Aber da macht jeder so seine eigene Erfahrung.

U&A: Sie beschreiben in Ihrem Buch die „Studentenmütter“ der DDR. Dementsprechend fordern Sie breit angelegte Förderungen für Abiturientinnen und Studentinnen, die sich dafür entscheiden, möglichst früh Kinder zu bekommen. Andererseits kritisieren Sie zu Recht, daß die Zahl der Abiturienten und Studenten in den letzten Jahrzehnten ausufern, ohne daß dadurch der Anteil Hochintelligenter und naturwissenschaftlich Begabter größer geworden wäre. Gibt’s die Staatsknete also nur für die Maschinenbau-Studentin und die Soziologin geht leer aus?

Dr. Weiss: Von solchen Unterscheidungen bei den Kindern verschiedener Fachrichtungen ist bei mir nirgendwo die Rede.

Wenn es eine realpolitische Auswirkung meines Buches „Die IQ-Falle“(2000) gegeben hat, dann war es die Gesetzgebung über das Elterngeld. Es verbietet sich, die Minister und führenden Politiker der Bundesrepublik Deutschland zu nennen, die dieses Buch ab 2000 zur Kenntnis genommen, mir persönlich gedankt und daraus Schlüsse gezogen haben. Sie würden staunen über die Namen! Und die Wege, über die das Buch in die Ministerien lanciert wurde.

Das Elterngeld hat aber einen sehr schweren Geburtsfehler: Für die Frauen besteht ein Anreiz, erst dann das Geld in Anspruch zu nehmen, wenn sie selbst gut verdienen. Das ist aber in der Regel erst jenseits des Alters von 30 Jahren der Fall und kein gutes Alter für eine Erstgeburt. Auch die Generationendauer ist ein Evolutionsfaktor, und das derzeitige Elterngeld verzögert die Familiengründung.

An jede Studentin und noch besser an jede Abiturientin sollte nicht nur ein kostendeckendes Kindergeld gezahlt werden, sondern auch die Kinderbetreuung gewährleistet sein, unabhängig von jedem Familienstatus. In der DDR hat das ab 1972 zu frühen Geburten in fast allen Akademiker- und Fachschulfamilien geführt. Kinderlos blieben nur etwa 5% aller studierten Frauen; gegenüber 40% in den alten Bundesländern. In den Koalitionsverhandlungen Ende 2013 zwischen CDU/CSU und SPD war aber ein Kindergeld für alle Studenten überhaupt kein Thema. Und so bleibt das Frauenstudium weiterhin eine Methode der Empfängnisverhütung.

Wie junge Frauen auf eine entsprechende Politik reagieren, zeigt sich auch in Israel. Zwischen 1952 und 1981 fiel das Heiratsalter von Tora-Studenten dank Familienförderung von 27,5 auf 21,5 Jahre, mit entsprechend hohen Kinderzahlen bis in die unmittelbare Gegenwart.

U&A: Ihre Vorstellungen von Hilfen für junge, gebildete Mütter laufen darauf hinaus, daß ein hohes Maß an Krippenbetreuung nötig wird. Das Vorbild der Studentenmütter in der DDR fiel bereits. Nun ist die frühzeitige Kinderbetreuung jedoch das rote Tuch der „Rechten“/Konservativen. Ich behaupte aber, daß Sie genau in diesen Kreisen Ihre üblichen Genetik-Erkenntnisse gut an den Mann bringen. Was sagt man denn, daß für Ihre Lösungsansätze ausgerechnet das Steckenpferd der Linken seinen Siegeszug antreten müßte?

Dr. Weiss: Wenn beide Partner sehr gut verdienen, dann können sie für die Kinder eine Au-pair-Kraft oder Tagesmutter bezahlen. Da gebildete Frauen oft auch gern ihren Beruf ausüben, braucht man eine Kinderbetreuung. Bei ganz kleinen Kindern ist es aber besser, sie bleiben wenige Jahre zu Hause, falls die Großmütter nicht einspringen können.

Ich verstehe nicht, was das mit rechts, links oder konservativ zu tun hat; ich kenne da bloß möglich oder unmöglich, vernünftig oder unvernünftig. Konservative, meinen Sie damit die Menschen ohne Utopie?

Wenn man die Kinderfeindlichkeit in der freien, unter Konkurrenzdruck stehenden Wirtschaft abbauen will, dann müßte man die Wirtschaft von den Arbeitgeberanteilen der Arbeitslosen- und Sozialversicherung für Mütter entlasten.

U&A: Sie schildern in Ihrem Buch, daß Sie mit Ihren Erkenntnissen bis zur Wiedervereinigung in der Politik und Wissenschaft (der DDR!) auf Gehör stoßen konnten. Das habe sich nach der Wiedervereinigung geändert. Es gäbe eine regelrechte Diskursverweigerung. Was ist los in diesem Land?

Dr. Weiss: Das Wort „Diskurs“ habe ich bis 1990 gar nicht gekannt. Ist es eine Art Geschwätz?

U&A: Als wir unsere Fühler im ersten Kennenlernen ausstreckten, zogen Sie mich wegen der ökologischen Ausrichtung der Umwelt & Aktiv etwas auf. Ich entdecke in Ihrem Buch dennoch viel Material, das ökologische Ansichten vertritt und Diskussionen bereichern könnte. Sie deuten z.B. an, daß in einer Welt schwindender fossiler Rohstoffe die Schrumpfung unausweichlich ist. Diese Schrumpfung werde den Konsum und die Bevölkerungszahlen gleichermaßen betreffen. Dabei sei jedoch die Bevölkerungsqualität zu beachten. Was halten Sie von Theorien, die sich schon heute mit einer „Wirtschaft ohne Wachstum“ beschäftigen, um die Probleme von Morgen abzufedern? Wir können doch nicht planlos warten, bis sich das Wachstum von selbst erledigt hat, weil nichts mehr da ist.

Dr. Weiss: Mit Planwirtschaft läßt sich das Problem nicht lösen. Es wird sich von allein regulieren.

U&A: Für die Klimahysterie sind Sie nicht zu haben. Einverstanden! Aber wir müssen unseren Lebensstil ändern, um in einer Welt zu überleben, die auf Öl basiert, der das Öl jedoch ausgeht. Das sehen auch Sie so. Ist es nicht legitim, den dummen, passiven Menschenmassen einen „Klima-Teufel“ zu präsentieren, der sie auf einen besseren Weg bringt? Viele Menschen wollen doch einfach dumm bleiben und dem Rudel folgen. Ihr Buch wäre eine ordentliche Aufklärung, aber es ist nicht massentauglich. Also nehmen wir das Klima. Hauptsache, es wird das Ziel der Zukunftsfähigkeit erreicht.

Dr. Weiss: Wegen falscher Theorien und dem Schüren von Zukunftsängsten, anstatt kühler Analyse, werden wir in Deutschland bald die ersten großräumigen Stromausfälle erleben.

U&A: Mich interessiert Ihre Meinung als Genetiker zur Gentechnik. Am besten differenziert nach Medizin und Landwirtschaft. Vor allem in Lebensmitteln kann es doch nicht sein, daß ohne ausreichende Langzeitforschungen uns irgendein Mist gegen die Mehrheit des Volkes serviert wird, und zwar am besten noch ohne Kennzeichnung. Bedenkt man, daß hinter entsprechender Technik und Patenten eine Handvoll Weltkonzerne steht, die unsere Nahrung mit Lizenzzahlungen kontrollieren (wollen), weiß ich nicht einmal, was schlimmer ist: Die Gesundheitsgefahren oder die Macht weniger Kapitalisten über das Essen der Welt. Wir sind schon soweit, daß die EU den Anbau alter Obstsorten verbieten will; wo noch angebaut wird, soll der Verkauf verhindert werden. Ich kann der Gentechnik da wahrlich nichts abgewinnen.

Dr. Weiss: Wo sehen Sie denn den grundsätzlichen Unterschied zwischen der alten Gentechnik, mit der seit Jahrtausenden Äpfel gezüchtet werden, und den neuen Äpfeln? Ich wünsche Ihnen, daß Sie nicht in die Situation kommen, wo Ihnen nur ein gentechnisch gezüchteter Antikörper das Leben retten kann.

U&A: Ihr Buch läuft auf nichts anderes als eine Totalumwälzung aller Lebensbereiche hinaus: Politik, Wirtschaft, Zeitgeist. Haben Sie uns damit eine mit Fußnoten garnierte rechte Utopie geliefert? Oder sind Ihre Kritik und ihr Zukunftsmodell umsetzbar?

Dr. Weiss: Das Buch beschreibt und analysiert den sozialen Wandel aus der Sicht eines Wissenschaftlers, nichts weiter. Wenn Sie eine Utopie von mir lesen wollen, die gibt es: „Das Tausendjährige Reich Artam: Die alternative Geschichte 1941-2099“ (Neustadt an der Orla: Arnshaugk 2011). Aber der Roman ist mit dreifachem Boden geschrieben und der eigentliche Witz, wie in einem guten Kriminalroman, sein Schluß. Ob aber der Ihnen gefallen wird?

U&A: Bekommen wir den von Ihnen befürchteten Bürgerkrieg nicht so oder so? Wenn alles so weiterläuft wie bisher; wenn linke Utopien mit Gewalt verwirklicht werden; wenn man Ihren Ideen folgen würde und sich die Benachteiligten oder linke Guerillas dagegen erheben?

Dr. Weiss: Meine Prognose für Ägypten: In und nach Bürgerkrieg einige Millionen Tote und Flüchtlinge innerhalb der nächsten zehn bis 15 Jahre. Lesen Sie diese Zeile in 25 Jahren wieder nach. Ich lege aber keinerlei Wert darauf, recht zu behalten.

U&A: Sie weisen stichhaltig wissenschaftlich nach, daß die Dynamik von Aufstieg und Untergang der Industriegesellschaft in unserem demokratischen System selbst angelegt ist. Hier vor allem der erdrückende Sozialstaat. Dennoch sehen Sie die Demokratie als bestmögliche Staatsform. Wir können also weder philosophisch noch faktisch dem Untergang nicht entkommen, weil uns schon das bestmögliche politische System nicht hilft?

Dr. Weiss: Es geht nicht um den Untergang, sondern um Szenarien des Überlebens mit einem Zeithorizont von 20 bis 40 Jahren. Wenn die Dämme brechen, kommt es in dem Gebiet, in das sich Kapitel und Flüchtlinge erst einmal retten, sogar noch einmal zu einem großen Boom. Er ist der letzte Vorbote des Großen Chaos.

U&A: Sie stellen zur Einleitung Ihres Buches als bittere Selbsterkenntnis des Alters fest: Keine Ordnung währt ewig. Warum sollen sich junge Menschen trotzdem über die zukünftige Ordnung Gedanken machen?

Dr. Weiss: Ich zitierte nur Aristoteles, der den Kreislauf aller politischen Verfassungen beschrieb. Ich verstehe es als eine Mahnung zur Toleranz. Weltanschauungen sind nicht erblich, sondern nur Rollen im politischen Wechselspiel. Kinder und Enkel können völlig anderen Zielen und Idealen folgen als ihre Eltern. Siegmar Gabriel klagt, sein Vater sei ein Nazi gewesen; Honeckers Enkel gibt Interviews. Und schade, daß Goebbels seine Kinder alle umgebracht hat: Seine Enkel wären heute vielleicht Kommunisten und in Talkshows gefragt. Die Freiheit ist das Überleben der Andersdenkenden. Ein Volk ist mehr als der Parteien Zank.

U&A: Ich danke Ihnen, lieber Herr Weiss, für das interessante Gespräch.

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Datum
01.09.2014

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