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Im Gespräch mit Michael Beleites

Michael Beleites (geb. 1964 – Halle a. d. Saale), Mitbegründer der Umweltbewegung in der DDR und studierter Landwirt, war Autor der 1988 erschienenen Untergrundschrift „Pechblende“ über die gesundheitlichen und ökologischen Folgen des sowjetisch-deutschen Uranbergbaus. 1991 fungierte er als Berater von Greenpeace und 1992 als Berater der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Sächsischen Landtag. Von 2000 bis 2010 amtierte Michael Beleites als Sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen.

Er ist Mitherausgeber des Buches „Klassenkampf gegen die Bauern. Die Zwangskollektivierung der ostdeutschen Landwirtschaft und ihre Folgen bis heute“. Heute lebt er in der Nähe von Dresden.

Umwelt & Aktiv: Herr Beleites, wegen Ihrer Initiativen in der Umwelt- und Friedensbewegung wurden Sie vom Staatssicherheitsdienst der DDR observiert. Wie haben Sie diese Zeit persönlich erlebt?

Michael Beleites: Das war eine aufregende Zeit. Die Stasi hat mich ja nicht nur beobachtet, sondern gezielt – und dennoch verdeckt – in mein Leben eingegriffen. Ich durfte kein Abitur machen, nicht studieren, verlor meine Arbeitsstelle als Präparator am Museum und stand unter Reisesperre. Das heißt, ich durfte die DDR auch nach Osten hin nicht verlassen. Wegen meiner kritischen Studie über die Folgen des Uranbergbaus musste ich mit einer Inhaftierung rechnen. Um nicht von falschen Freunden verraten zu werden, habe ich mich in der Zeit des Schreibens selbst isoliert, also nur ganz wenige Menschen eingeweiht, woran ich arbeite. Erst als ich die „Pechblende“ im Juni 1988 fertig gedruckt hatte, musste ich mich nicht mehr verstecken. Und dann waren auch die westlichen Medien, die darüber breit berichteten, ein Schutz für mich. Die SED wollte ja nicht mehr wegen politischer Gefangener ins Gerede kommen. Dennoch begann ein extremer Psychoterror: die Stasi ließ mich regelmäßig zu Behörden einbestellen, wo mir auch Gewalt angedroht wurde. Zudem erhielt ich fingierte Empörungs- und Drohbriefe. Auch Freunde, die mich unterstützten, wurden unter Druck gesetzt. Die Wende vom Herbst 1989 erlebte ich dann wirklich als eine große Befreiung.

Umwelt & Aktiv: Warum sträubten sich Ihrer Ansicht nach die DDR-Kader so gegen den Umweltschutzgedanken? Schließlich war die DDR durch den Rückgriff auf Braunkohle der größte Kohlendioxidverschmutzer in Europa.

Michael Beleites: Es war den Oberen im SED-Staat durchaus klar, dass es sich bei weiten Teilen der DDR um ein ökologisches Katastrophengebiet handelte. Da es aber im Sozialismus keine ernsten Probleme geben durfte, hat man 1980 alle Umweltdaten zum Staatsgeheimnis erklärt. Wer dennoch über die Umweltsituation eine kritische Öffentlichkeit herstellen wollte, wurde zum Staatsfeind erklärt – und auch so behandelt. Die DDR war arm und nicht nur von der Sowjetunion abhängig, sondern auch vom Westen. Das Uran wurde nach Russland geliefert, aber in vielen anderen Bereichen wurden die Natur und die Gesundheit der Menschen geopfert, um billig für den Westen produzieren zu können. Ob nun Grundstoffe für die chemische Industrie oder Schweinefleisch, vieles kaufte die Bundesrepublik in der DDR, weil es dort günstiger zu haben war. Im Osten konnte deswegen billig produziert werden, weil der Umweltschutz vernachlässigt wurde. Und dieses Prinzip, dass der Westen andernorts zu Bedingungen produzieren lässt, die hier nicht erlaubt sind, ist auch jetzt noch dasselbe. Nur dass die heutigen „Bitterfelds“ in China oder Indien liegen.

Umwelt & Aktiv: 2010 erschien das Buch „Klassenkampf gegen die Bauern. Die Zwangskollektivierung der ostdeutschen Landwirtschaft und ihre Folgen bis heute.“ Gab es ein ausschlaggebendes Ereignis, daß Sie zur Mitarbeit an dem Buch motivierte?

Michael Beleites: Das Buch ist die Dokumentation einer Tagung, die die Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft für bäuerliche Landwirtschaft 2010, also 50 Jahre nach dem Abschluss der Zwangskollektivierung von 1960 organisiert hatten. Im Laufe meiner Arbeit als Sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen wurde mir immer klarer, dass der Klassenkampf gegen die Bauern ein ganz zentraler Punkt in der Ideologie und in der Verbrechensgeschichte der kommunistischen Diktaturen war. Die Vernichtung der Bauernhaushalte in der Sowjetunion und in China löste Hungersnöte aus, deren Opfer im 1998 erschienenen „Schwarzbuch des Kommunismus“ mit insgesamt 30 bis 50 Millionen beziffert werden. Auch wenn der strategische Dreischritt Enteignung der Großbauern – Kollektivierung der gesamten Bauernschaft – Industrialisierung der Landwirtschaft in der DDR längst nicht so brutal umgesetzt wurde wie in der Sowjetunion: die Bekämpfung der freien Bauern in Ostdeutschland war ein Bestandteil jener Systemverbrechen. Die SED-Agrarpolitik diente den selben Zielen wie der bolschewistische Terror gegen die Bauern. Hier wie dort ging es um eine vollständige Vernichtung der Bauernschaft als Klasse. Als ich merkte, wie sehr man heute diesem Thema auswich und wie gleichzeitig die sozialistisch geprägten Agrarstrukturen im heutigen Ostdeutschland systematisch gefestigt wurden – da schien es mir wichtig, etwas dafür zu tun, dass dieses Thema eine größere Öffentlichkeit findet.

Umwelt & Aktiv: Welches ideologische Ziel steckte aus Ihrer Sicht hinter dem Kampf gegen die Bauern? Wie wurden sie bekämpft?

Michael Beleites: Es passte schlicht nicht in die kommunistische Ideologie, dass es eine gesellschaftliche Großgruppe gab, die weder reich noch ausbeuterisch war, aber dennoch über eigenen Besitz an Produktionsmitteln und an Boden verfügte; eine sehr breite Schicht, die in hoher Eigenverantwortung hart arbeitete, aber frei war und daran nichts ändern wollte, also absolut konservativ dachte. Auch wenn sich die DDR zynisch „Arbeiter- und Bauernstaat“ nannte, war die ganze Ideologie auf die „Arbeiterklasse“ zugeschnitten. Die kommunistischen Funktionäre gaben erst Ruhe, als der letzte freie Bauer zu einem abhängigen Landarbeiter gemacht worden war. Während in Russland, der Ukraine oder in China der Kampf gegen die Bauern mit Erschießungen, Massendeportationen und einem kompletten Raub des Erntegutes geführt wurde, hat man die Bauern in der DDR mit überhöhten Ablieferungszwängen geknebelt, um sie dann vor die Alternative LPG oder Gefängnis zu stellen. Man hat sie mit vor den Höfen aufgefahrenen Lautsprecherwagen über Tage psychisch terrorisiert und mit den verschiedensten Mitteln bedroht. Wie schwerwiegend diese Repressionen waren, mag man daran ermessen, dass am Ende der „Vollkollektivierung“ außer einigen wenigen Kleinstbauern die gesamte Bauernschaft Ostdeutschlands die kommunistischen Genossenschaftsverträge unterschrieben hatte. Hunderttausende freie Bauern hatten unterschrieben, dass sie sich „freiwillig“ dazu bereitfanden, die Verfügungsrechte über ihr gesamtes wirtschaftliches Eigentum abzugeben und sich künftig als abhängige Landarbeiter den Weisungen eines LPG-Vorsitzenden zu unterstellen.

Umwelt & Aktiv: Was denken Sie? War die Zwangskollektivierung der Bauern u. a. Grund für den Mauerbau?

Michael Beleites: Die Historiker sind sich da ziemlich einig: Erst die Repressionen im Zusammenhang mit der Kollektivierung und die darauffolgende Perspektivlosigkeit der Bauern ließ die Fluchtwelle gewaltig anschwellen. Somit war die Zwangskollektivierung ein entscheidender Auslöser für den Bau der Mauer. Zudem sind neuere Forschungen noch zu einem anderen erschreckenden Ergebnis gekommen: Einige Hundert Bauern waren infolge der Kollektivierung in eine so ausweglose und entwürdigende Lage geraten, dass sie Selbstmord begingen. Deren Zahl war also nicht geringer als die der Mauertoten von 1961 bis 1989.

Umwelt & Aktiv: Warum haben die DDR-Agrarkader auch heute noch großen Einfluß auf die ostdeutsche Landwirtschaftspolitik?

Michael Beleites: Der Agrarwissenschaftler und Landwirt Jörg Gerke ist in seinem mutigen Buch „Das ostdeutsche Agrarkartell“ dieser Frage nachgegangen und zu schockierenden Erkenntnissen gekommen. Zur DDR-Zeit waren die wichtigsten Erfüllungsgehilfen des SED-Klassenkampfes gegen die Bauern zwei Institutionen: Die Blockpartei „Demokratische Bauernpartei Deutschlands“ (DBD) und die „Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe“ (VdgB). Nach dem Ende der DDR trat die DBD geschlossen der CDU bei und die VdgB mutierte zu den ostdeutschen Landesverbänden des Deutschen Bauernverbands (DBV). Die wichtigsten Weichenstellungen der Agrarpolitik in den ostdeutschen Ländern sind wohl auf die engen Beziehungen und den Einfluss der Landesbauernverbände auf die DBD-Bestandteile der CDU zurückzuführen. Aber auch die Agrarpolitik der PDS und der ostdeutschen SPD unterschied sich in keiner Weise von dem Kurs der DDR-Agrarkader. Dieser bestand und besteht darin, die Begünstigten der kommunistischen Landwirtschaftspolitik weiter zu begünstigen; also die sozialistischen Agrarstrukturen zu zementieren. Fatal war, dass ab Anfang der 1990er Jahre auch das flächenbezogene Subventionssystem der EU genau in diese Richtung wirkte: Die dominierenden LPG-Nachfolgeunternehmen schlossen mit den ehemals bäuerlichen Landeigentümern langfristige – auch bei Eigenbedarf nicht kündbare – Pachtverträge, so dass es zu einer faktischen Bodensperre kam. Wer von einer früheren Bauernfamilie einen Hof kaufen wollte, konnte das dazugehörige Land zwar kaufen, aber bis zum Ablauf des 12- oder 18-jährigen Pachtvertrages nicht nutzen. Deswegen konnten seit 1992 in Ostdeutschland kaum neue landwirtschaftliche Unternehmen gegründet werden. Bis heute ist die Dominanz der LPG-Nachfolgebetriebe ungebrochen. Die ehemals durch klein- und mittelbäuerliche Höfe geprägten Länder Sachsen und Thüringen sind heute in derselben Weise von einer agrarindustriellen Monostruktur geprägt, wie die schon früher von Großgutsbetrieben dominierten Länder Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.

Umwelt & Aktiv: Worin sehen Sie die Gefahren solcher Agrargroßbetriebe?

Michael Beleites: Ich sehe sowohl ökonomische als auch ökologische Gefahren. Zunächst sagen uns die Agrarökonomen, dass all das Gerede von der Wirtschaftlichkeit der Großbetriebe auf falschen Berechnungen beruht. Wenn man nämlich die Betriebsergebnisse um die Subventionen bereinigt, zeigt sich, dass kleinere Betriebe wirtschaftlicher sind und vor allem mehr Arbeitskräfte je Fläche beschäftigen als große. Auch der handwerkliche Mittelstand leidet unter dem Verlust des Bauernstandes als der tragenden Schicht der ländlichen Räume. Es ist also gesamtwirtschaftlich absolut widersinnig, die agrarindustriellen Großbetriebe zu begünstigen und damit den Niedergang der ländlichen Räume zu befördern. Auf der anderen Seite ist ja auch überall sichtbar, dass die landwirtschaftlichen Großbetriebe die gewachsene Kulturlandschaft nivellieren und einen derartigen Artenschwund verursacht haben, dass heute in ganz Ostdeutschland kein Kind mehr weiß, wie ein Hase oder ein Rebhuhn aussieht. Auch die flächendeckende Brunnenvergiftung durch Agrochemikalien und Gülle, die die Dörfer von Fernwasserversorgung abhängig macht, ist ein gewaltiges Problem. Was es bedeutet, die Ernährung der Gesamtbevölkerung von einer kleinen und privilegierten Minderheit abhängig zu machen, wird sich wohl erst später zeigen. Bei aller Unsicherheit von Zukunftsprognosen ist doch eines gewiss: irgendwann zählt nicht mehr der Mehrwert an der Börse, sondern der Nährwert auf dem Teller. Wenn eines vielleicht gar nicht mehr so fernen Tages der Ölpreis explodiert und die Transportkosten ins Unermessliche steigen, dann wird es darum gehen, das Selbstversorgungsvermögen der Regionen zu stärken. Und dafür braucht man eine breite bäuerliche Basis. Man kann aber den Stand der freien Bauern nicht per Erlass von heute auf morgen neu bilden. Denn dieser war immer in die Traditionslinien einer bäuerlichen Lebenspraxis eingebunden, die nun vielerorts abgeschnitten sind. Dies ist nun allerdings nicht nur ein ostdeutsches Thema. Schließlich hat unter dem ökonomischen Leitbild vom „Wachsen oder Weichen“ auch der Westen Deutschlands seit 1960 eine Million Bauernhöfe und vier Millionen landwirtschaftliche Arbeitsplätze verloren.

Umwelt & Aktiv: Was würden Sie sich für die deutsche Landwirtschaft wünschen?

Michael Beleites: Wenn man in eine Sackgasse geraten ist, kann es hilfreich sein, erst mal ein paar Schritte zurück zu gehen, um dann einen neuen, „zukunftsfähigen“ Weg einschlagen zu können. In diesem Sinne wünsche ich mir, dass es für eine Wiederbelebung der bäuerlichen Strukturen noch nicht zu spät ist.

Umwelt & Aktiv: Herr Beleites, herzlichen Dank für das Gespräch.

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Datum
21.11.2011

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