Rodung für eine Gartenschau
Seit 1951 werden in Deutschland Bundesgartenschauen (BUGA) abgehalten und finden in zweijährigem Rhythmus statt. Jede 5. Bundesgartenschau wird als Internationale Gartenschau (IGA) abgehalten. Seit 1980 erfolgen jedoch auch in einigen Bundesländern Landesgartenschauen, außerdem werden von kleineren Städten regionale Gartenausstellungen ausgerichtet.
Zeitraum im Mittelpunkt der Medien zu stehen, ist wohl Wunschtraum eines jeden Stadtoberhauptes samt Gefolge, jedoch natürlich auch nur dann, wenn die Berichte positiven Charakter haben. Und wie sich bisher gezeigt hat, eignet sich dazu vorzüglich die Austragung einer Landes- oder Bundesgartenschau. Bereits im Vorfeld des Ereignisses überschlägt sich die regionale Presse mit Lobeshymnen über Planungen, Konzepte und Einbringen von künstlerischen und/oder modernen Inspirationen in das entsprechende Projekt. Jede Gartenschau verspricht ihren Besuchern blühende Landschaften und prachtvolle Natur, die ausrichtende Kommune ihren Gewerbebetrieben, Gaststätten usw. gute Gewinne, mehr Lebensqualität für Bürger, Städte und Regionen.
Bei aller Begeisterung: Es geht hier um mit Staatsgeldern subventionierten Lobbyismus, wie nachstehend noch näher erläutert werden soll.
Erschwerend zu dieser Tatsache kommt, daß oft gewachsene Natur und Strukturen zerstört und durch eine Kunstwelt ersetzt werden. Die meisten Besucher sehen auch nur das Ergebnis und nicht, wie ökologisch wertvoll oft das Gelände war, bevor es für die Austragung der Gartenschau umgestaltet wurde für überdimensionierte, fußballfeldgroße Blumenrabatten, Kräuter- und Erlebnisgärten, Naturlehrpfade usw. usw. Daß bei solchen Ausstellungen durchaus auch positive Aspekte einfließen und interessante Projekte entstehen, soll trotz aller Kritik dennoch hier zumindest erwähnt sein.
Die Gewinner
Hinter dem Geschäftsmodell der Gartenschauen stecken Wirtschaftsverbände, die für ihre Mitglieder wie Gartencenter oder große Planungsbüros Lobbyarbeit betreiben. Um den Profit zu maximieren, wollen und müssen sie Leistungsschauen veranstalten, die jedoch viel Geld kosten, das jedoch andere schultern sollen. Daher wird ein Dachverband gegründet und danach eine Stadt gesucht, die Zugriff auf Steuergelder, also auf fremdes Geld, hat.
Eine Stadt wird beispielsweise damit geködert, daß diese mit einer Bundesgartenschau neue Infrastrukturen, neue Brücken oder Hallen zum Sonderpreis erhält, denn dafür gibt es sowohl vom Bundesland als auch von der EU reichliche Fördergelder – auch wenn die Hallen später nicht ausgelastet und die Unterhaltskosten erheblich sind.
Die Gewinner der Gartenschauen sind die Lobbyverbände durch ihren Dachverband, da dieser bereits einen Millionenbetrag aus der Stadtkasse erhalten hat, völlig unabhängig davon, ob die Gartenschau ein Erfolg wird oder nicht. Für diese Steuergelder erbringt also der Dachverband z.B. Beratungsleistungen für die Umsetzung der Leistungsschau und kann so Einfluß darauf nehmen, wie die Gartenschau auszusehen hat. Daher ist es nicht weiter verwunderlich, wenn nach Fertigstellung oft die Interessen der Steuerzahler nicht unbedingt mit den Interessen der Gartenbauunternehmen übereinstimmen.
Die Verlierer
Rabiate Eingriffe in die Natur haben System, denn die Gartenschauen gehen von einem völlig anderen Bild von Natur aus und sind daher auch größtenteils nicht in der Lage, Belange des Naturschutzes einzubringen. Neues wird am Reißbrett entworfen und in relativ kurzer Zeit realisiert – Altes wird nicht entwickelt, vorhandene Strukturen werden zerstört. Für die meist konservative Gartenlobby gibt es keinen Platz für moderne ökologische Konzepte. Dies muß zwar nicht immer sein, ist aber leider oft der Fall, wie in diesem Beitrag noch geschildert werden soll.
Doch nicht nur die Natur gehört zu den Verlierern, sondern auch die Kommunen. Immer mehr Städte bleiben auf millionenschweren Schulden sitzen, da die prognostizierten Besucherzahlen so gut wie nie erreicht werden und zudem die Unterhaltskosten für z.B. errichtete Gebäude, die nach einer Ausstellung nicht mehr gebraucht werden oder kaum ausgelastet sind, den Stadtsäckel erheblich belasten. Derartige Infrastruktur-Projekte prangert auch der Bund der Steuerzahler an und bezeichnet diese oft als völligen Unsinn.
Wie immens der Schuldenberg nach einer Gartenschau sein kann, zeigen die beiden folgenden Beispiele:
Aktuelle Veranstaltung in Schwerin
Die 30. Bundesgartenschau findet dieses Jahr in der Stadt Schwerin statt, die ihren Besuchern vom April bis Oktober „Blühende Landschaften“ rund um das Schweriner Schloß zeigt, das in die Gestaltung eingebunden wurde.
Für Investitionen und laufende Kosten sind etwa 73 Millionen Euro eingeplant und in der chronisch klammen Landeshauptstadt wird immer wieder betont, daß „der Deckel fest auf dem Budget sitze …“: 23 Millionen Euro kommen aus „Fördertöpfen“, 31 Millionen steuert die Landeshauptstadt bei (beides gleichzusetzen mit Steuergeldern) und 19 Millionen sollen aus Einnahmen gedeckt werden.
Der Schlosspark wurde „auf Vordermann“ gebracht, d.h. über 200 alte Linden wurden gefällt, da diese angeblich für die Ausstellung nicht mehr standortgerecht waren. Auch wenn diese durch junge Bäumchen ersetzt wurden – der ökologische Wert eines alten Baumbestandes kann nicht ersetzt werden. Außerdem wurde durch ein geschütztes Moorgebiet ein Entwässerungsgraben gezogen, streng geschützte Bäume und wertvolle Ufergehölze illegal gerodet und und und …Als Infrastrukturmaßnahme wurde auch eine Insel, die sog. „Schwimmende Wiese“ für 100.000 Euro aufgeschüttet, deren Sinn ebenfalls höchst umstritten ist.
Das Umweltbundesamt sowie der Bund Naturschutz (BUND) wurden zwar ab 2003 in die Planung mit eingebunden, hatten jedoch für einige ökologisch höchst bedenkliche Aktionen soviel wie keinen Einfluß, zumal einige davon bereits zum Nachteil von Umwelt und Natur vollzogen waren und somit die Umweltschützer vor vollendete Tatsachen gestellt wurden. Nach Klageeinreichung des BUND im Jahre 2006 beim Verwaltungsgericht Schwerin gegen den Planfeststellungsbeschluß für das Prestigeprojekt der BUGA Schwerin 2009 GmbH wurde ein gerichtlicher Vergleich erzielt – zahlreiche weitere teils juristische Auseinandersetzungen um die Beseitigung von Gehölzen bzw. Beeinträchtigung wertvoller und geschützter Biotope auf den BUGA-Flächen sind bis dato noch nicht entschieden.
Wie voraussehbar, waren Politiker und Medien bei der feierlichen Eröffnung voll des Lobs und der Anerkennung: Schwerin sei durch diese Gartenschau viel attraktiver geworden und werde den Menschen mehr Lebensqualität bringen.
Es bleibt abzuwarten, auf wie viel Schulden diese Stadt sitzen bleiben wird und damit der Steuerzahler die Zeche für die „Olympischen Spiele des Gartenbaus“, wie Bundespräsident Köhler euphorisch die BUGA bezeichnete, zahlen muß. Die Natur jedenfalls musste bereits ihre Opfer bringen.
Landesgartenschau 2010 in Rosenheim
Auch in Rosenheim rücken bereits die Bagger und Planierraupen an, um dem Thema „Inn-Spirationen“ der Landesgartenschau 2010 gerecht zu werden. Eine zentrale Rolle werden die beiden Flüsse Mangfall und Inn spielen, deren Ufer neu gestaltet werden.
Die Stadt, so wird in den Medien berichtet, steht nicht für eine „Blümchen-Olympiade“, sondern für eine nachhaltige Veränderung der Stadt und investiert in diese Ausstellung etwa 14 Millionen Euro – u.a. sind darin enthalten Fördermittel des Programms „Soziale Stadt“ sowie 4,1 Millionen Euro Zuschüsse des bayerischen Umweltministeriums und der EU!
An der Kommune bleiben letztlich 5,9 Millionen Euro hängen und auch hier trägt laut Vertrag allein die Stadt das finanzielle Risiko. Bereits einkalkuliert bei der erhofften Besucherzahl von 800.000 ist ein Defizit von etwa 1,5 Millionen! Doch angeblich „… ist der Nutzen größer als die finanzielle Gefahr“…und „…auch die Folgekosten der Gartenschau von etwa jährlich 120.000 Euro könne die Stadt stemmen…“, so die Oberbürgermeisterin von Rosenheim.
Wie nachhaltig und ökologisch letztlich das Ergebnis ausfällt, wird sich noch zeigen.
Kleine Landesgartenschau 2011 in Kitzingen
In Kitzingen, so ein kritischer Beitrag aus der Sendung „Kontraste“ vom April d.J., werde erst Natur plattgemacht, um dann „Natur wie aus dem Ikea-Katalog“ zu schaffen. Wie auch in Schwerin kreischten bereits hier die Kettensägen – eine alte Pappelallee musste aufgrund eines Wirtschaftlichkeitsgutachtens weichen, „damit ein reibungsloserer, rascherer und damit auch kostengünstigerer Bauablauf gewährleistet ist“.
Die kleine Stadt Kitzingen mit ihren rund 20.000 Einwohnern investiert in diese Gartenschau etwa 4,6 Millionen Euro – auch hier dürfte der Lobbyverband ein gutes Geschäft machen – den Großteil der Rechnung jedoch zahlt mit Sicherheit auch hier der Bürger.
Auslaufmodell Gartenschau?
Leider nein. Bis 2019 sind die Bundesgartenschauen bereits vergeben und Bagger und Planierraupen stehen bereits vielerorts in den Startlöchern. Es steht also heute schon fest, daß es noch lange so weitergehen wird – zum Nachteil von Natur, Umwelt und den Steuerzahlern! Planer, Gartencenter, Gartenbauer und Gärtner, die praktisch ohne Kosten und Risiko Gelegenheit für eine werbeträchtige Leistungsschau erhalten und die sich nicht an den Verlusten beteiligen müssen, dürfte dies freuen! Auch der Präsident des Zentralverbands Gartenbau, des wichtigsten Lobbyverbands und zugleich Vorsitzender des Dachverbands, hat nichts gegen gute Geschäfte – warum auch? Beteiligung am finanziellen Risiko? Fehlanzeige!
Es ist unverständlich, warum dieses mit Steuergeldern finanzierte „Geschäftsmodell“ so gut wie nie angeprangert wird und somit dem Bürger kaum bekannt ist. Man stelle sich nur mal vor, wenn sich die Automobilindustrie z.B. alle zwei Jahre ihre IAA (Internationale Automobil-Ausstellung) in Frankfurt vom Steuerzahler bezahlen lassen würde …
Doch nicht nur in Zeiten leerer Kassen bei fast allen Kommunen, sondern auch in Zeiten des dramatischen Rückgangs der Artenvielfalt sollte die Frage erlaubt sein, ob monströse Gartenschauen überhaupt noch vertretbar sind, zumal bei der Ausrichtung der Ausstellungen bereits immer mehr auf stadtnahe, gewachsene Strukturen zurückgegriffen werden muß, da brachliegende Flächen (wie bei den Anfängen der Ausrichtung von Gartenschauen) inzwischen rar geworden sind. Und so kommt es, daß oftmals ökologisch umstrittene Vorhaben realisiert werden, da, wie eingangs erwähnt, Gartenplaner und die konservative Gartenlobby auch meist eine ganz andere Vorstellung von Natur haben.
Doch nicht nur Umweltverbände und Naturschützer üben Kritik, sogar der Bund der Steuerzahler rät inzwischen den Städten, Angebote für eine Bundesgartenschau abzulehnen. Zu befürchten ist allerdings, daß bei den kommunalen Verantwortlichen alle Gegenargumente ins Leere laufen – kurzfristiges Wachstumsdenken bestimmt auch in diesem Bereich die Entscheidungen. Daher könnten nur noch drastisch sinkende Besucherzahlen ein Ende der hoch subventionierten Gartenschauen einläuten. Dies setzt allerdings voraus, daß den Bürgern wichtige und kritische Hintergrundinformationen nicht vorenthalten werden, so daß entsprechend auch reagiert werden kann.
Bildquelle:
Schweriner Schloß – wikipedia
Pressebilder Landesgartenschau – rosenheim2010.de
Geldscheine – Uwe Steinbrich








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