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Sind die Mundarten heute noch aktuell?

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Es gibt immer noch zahlreiche Leute, auch in der Lehrerschaft und im Wissenschaftsbetrieb, welche die hochdeutsche Sprache als allein seligmachende in unserem Lande fordern und praktizieren. Für solche Zeitgenossen steht die hoch- bzw. oberdeutsche Schriftsprache weit über den Dialekten bzw. sog. Mundarten. Bei dieser Diskussion – ob hochdeutsche Schriftsprache oder deutsche Mundarten – übersieht man auf Seiten der Politiker und Kulturschaffenden allzu gerne, dass man hier einen Gegensatz konstruiert, der gar kein solcher ist. Dabei wird – das sei nur am Rande erwähnt – stillschweigend ausgeklammert, dass man im Norden und teilweise auch im Nordosten und Nordwesten von Deutschland Niederdeutsch gesprochen hat und vor allem auf dem flachen Lande an einigen abgelegenen Orten noch heute spricht bzw. zumindest versteht.

Hochdeutsch oder niederdeutsch?

Es geht im Grunde um die Frage: Kann man Hoch- bzw. Oberdeutsch als deutsche Sprache und Niederdeutsch nur als eine Mundart bezeichnen? Hier tauchen schon die ersten Probleme auf und es stellt sich die Frage: Ist denn die hochdeutsche Schriftsprache älter als die sog. niederdeutsche ´Mundart´? Hochdeutsch als gemeinsame Sprache der im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation lebenden Menschen – zu denen auch Menschen romanischer und slawischer Kultur gehörten – hat sich im Spätmittelalter als Kanzlei- und Kunstsprache an der Prager Kanzlei herausgebildet und ist dann von der sächsischen Kanzlei übernommen worden. Diese Übernahme war die Voraussetzung für Martin Luther, seine Bibel in einer Sprache zu veröffentlichen, die zumindest im ober- und mitteldeutschen Raum nicht nur von Mitgliedern der Oberschicht gelesen und verstanden werden konnte. Der Protestantismus in Deutschland war also nicht nur der Träger neuer religiöser Vorstellungen, sondern auch der Nährboden für eine neue Sprache, welche in ihren Anfängen vor allem eine Schriftsprache war und im Laufe der Neuzeit immer mehr die Sprache des protestantischen Gottesdienstes wurde. Bei den ´deutschen´ Katholiken war bis in die neueste Zeit Latein die Sprache des Gottesdienstes und der Liturgie. Deutsch bzw. die jeweiligen Mundarten waren im Gottesdienst nur ein peripheres Phänomen.

Ist Niederländisch oder Friesisch eine Sprache oder eine Mundart?

Einmal ganz davon abgesehen, dass Hochdeutsch lange Zeit eigentlich mehr Schrift als Sprache war, steht nach wie vor die Frage im Raum, ob Niederdeutsch – das im Norden von Deutschland bis ins 18. Jahrhundert mehr verbreitet war als Hochdeutsch und die oberdeutschen und mitteldeutschen Mundarten – ´nur´ eine Mundart war bzw. ist. FĂĽr die Lösung dieses Problems können uns die Niederländer helfen. Niederländisch, dem Niederdeutschen sehr nahe verwandt, ist ohne Zweifel eine geschriebene und gesprochene Sprache – letzterer Ausdruck eine Tautologie – und auch Amts- und Verkehrssprache. Allerdings mit dem Unterschied, dass Niederländisch von allen Menschen, welche in den Niederlanden leben, im Elternhaus, in Schule oder im Alltag erlernt werden muss, Niederdeutsch in den niederdeutschen Regionen von Deutschland aber nur noch von wenigen gesprochen und so gut wie nicht geschrieben wird. Erstaunlich ist dabei, dass z.B. die Akten des Staatsarchivs Hamburg bis weit ins 18. Jahrhundert hinein nicht hoch-, sondern niederdeutsch geschrieben sind. Es mag nun der eine oder andere Leser sich dazu bewegen lassen, das Niederdeutsche als eine mit dem Niederländischen nahe verwandte Sprache gelten zu lassen. Doch kann denn so etwas wie zum Beispiel Friesisch eine Sprache bzw. niederdeutsche Mundart sein? Oder kann Friesisch in dem einen Land eine Sprache, in einem anderen Land dagegen bloĂź eine Mundart oder ein Dialekt sein? Nur wenigen hierzulande ist wohl bekannt, dass Friesisch in der niederländischen Provinz Friesland neben Niederländisch die zweite Amtssprache ist. Nun stehen wir vor dem Paradox: Ist nun das Friesische, das als Amts- und Umgangssprache im niederländischen Friesland verwendet wird, eine Sprache und ist dann das Friesische, welches fast nur noch in rudimentärer Form von einigen in Deutschland lebenden Friesen gesprochen und von einigen Liebhabern, z.B. in friesischen Gedichten, verwendet wird, eine Mundart? Zwischen dem Friesischen in der niederländischen Provinz Friesland und dem in Deutschland gesprochenen Friesisch gibt es kaum nennenswerte Unterschiede. Allerdings gibt es im Niederdeutschen ebenso wie in den oberdeutschen ´Mundarten´ das erstaunliche Phänomen, dass von Dorf zu Dorf entweder Wörter unterschiedlich ausgesprochen werden oder dass es auch andere Wörter fĂĽr die gleiche Sache gibt. In einem solchen Fall könnte man anfangen, von Dialekten zu sprechen.

Deutsch, Denglisch oder sonst was?

Mundarten und Hochdeutsch weisen einen signifikanten Unterschied auf: Die hochdeutsche Schriftsprache neigte schon seit ihren Anfängen dazu, viele Wörter aus der französischen Sprache in ihren Wortschatz aufzunehmen. Seit dem Ende des 2. Weltkrieges hat dagegen die bedenkenlose und übertriebene Aufnahme von englischen Wörtern dazu geführt, dass selbst Fachleute vor der Denglisierung der hochdeutschen Sprache warnen und darauf hinweisen, dass es in vielen Fällen durchaus deutsche Wörter gibt, welche dem englischen Wort gleichwertig sind. Ich kann mich an folgenden Fall hier in der Hallertau erinnern: Da glaubte ein Geschäft, die Leute zu mehr Konsum anzuregen, wenn man statt des schönen deutschen Wortes „geöffnet“ bzw. „offen“ das englische Wort „opened“ bzw. „open“ und statt „geschlossen“ das englische „closed“ verwendet. Der „shop“ konnte allerdings durch diese radikale Form der Denglisierung seinen Umsatz nicht erhöhen. Natürlich haben seit dem 17. Jahrhundert auch französische Wörter in die bairische Sprache Eingang gefunden. Die französischen Wörter im Bairischen wurden allerdings viel eher als im Hochdeutschen bajuwarisiert und auch mit bairischer Phonetik ausgesprochen und geschrieben. So spricht und schreibt man noch heute im Bairischen „chevaux legers“ (leichte Reiter, leichte Reiterei) als „Schwolesche“ (Betonung auf dem Schluss-e). Bis jetzt sind im Gegensatz zur deutschen Schriftsprache das Bairische und andere ´Mundarten´ vor der Denglisierung weitgehend verschont geblieben, wie man auch aus den beiden Bänden des neuen Bayerischen Wörterbuches (BWB) ersehen kann. In den folgenden Ausführungen beschränke ich mich auf das Bairische.

Bairisch – eine Sprache oder eine Mundart?

Nicht nur Sonntagsredner lieben es, Bairisch als eine „beliebte Mundart“ zu bezeichnen. Auch zahlreiche Forscher degradieren das Bairische zu einer Spielart des Deutschen, ohne zu bedenken, dass das Bairische, Sächsische, Friesische etc. wesentlich älter sind als die deutsche Schriftsprache.

Es gibt einige wenige Sprachforscher, welche Bairisch nicht als Mundart, sondern als Sprache bezeichnen. Auch der „Förderverein Bairische Sprache und Dialekte e.V.“ fasst, wie schon an dem Vereinsnamen deutlich wird, Bairisch als Sprache auf. Im Sinne der Germanistik ist der Begriff „Bairisch“ sehr weit gefasst. Bairisch in diesem Sinne spricht man auch in Österreich (außer Vorarlberg und den Minderheitsregionen). Das älteste Bairisch – auf der Stufe des Althochdeutschen – spricht man dagegen in den sog. kimbrischen Gemeinden nördlich von Verona in Oberitalien. So ein altes Bairisch zu verstehen, fällt nicht einmal den Sprachforschern leicht.

Die Germanisten teilen Bairisch in drei fundamentale Sprachbezirke auf: Nord-, mittel- und sĂĽdbairisch. So spricht man z.B. Nordbairisch nicht im nordbayerischen Franken, sondern im Norden des alten bairischen Stammesgebietes, z.B. nördlich der Donau in Bayern und Ă–sterreich. Einwandfrei bairische Mundarten sind z.B. das Wienerische von Ottakring und anderen ´bairischen´ Vororten von Wien – in welcher Sprache Josef Weinhaber seine groĂźartigen Dialektgedichte verfasste und in „Wien wörtlich“ publizierte – , das Lechrainische, das stark vom Schwäbischen geprägt ist und statt „s“ viele „sch“-Laute aufweist, und das „MĂĽnchnerische“, welches viele ´Ausländer´ und Touristen fĂĽr das echte Bairisch bzw. Boarisch halten und nicht zuletzt bei den Veranstaltungen auf dem MĂĽnchner Nockerberg als bairische Folklore dargeboten wird. NatĂĽrlich gibt es Bayern, welche in Gegenwart von Gästen oder Touristen auf dem MĂĽnchner Oktoberfest ihre bairischen Relikte hervorholen und damit glänzen wollen.

Ist Bairisch ein aussterbender Dialekt?

Vor nicht allzu langer Zeit hat die Unesco Bairisch und andere alte Sprachen als aussterbende ´Dialekte´ deklariert. Im bayerischen Oberland und im Raum südlich von München wird mehr als in anderen Regionen auf die Erhaltung der alten Tracht, die im Grunde so alt auch wieder nicht ist, geachtet. Bairische Sprachforscher vermuten, dass in diesem Raum, in welchem auch das Brauchtum – schon aus Gründen des Tourismus – mehr hochgehalten wird als anderswo in Bayern, auch die bairische Sprache bzw. bairische Mundarten mehr als sonst wo gesprochen, aber relativ wenig geschrieben werden. Vielleicht hat zur negativen Beurteilung der Zukunft des Bairischen auch die Tatsache beigetragen, dass es keine verlässlichen Zahlen darüber gibt, wie viele Leute im bairischen Sprachgebiet in Bayern überhaupt noch Bairisch sprechen oder verstehen? Gibt es Leute, welche nur einige Wörter Bairisch bei besonderen Gelegenheiten zum Besten geben, um ihre bajuwarische Provenienz zu untermauern? Es gibt nach meiner Erfahrung nur wenige Baiern, welche über einen umfassenden bairischen Wortschatz verfügen. Die meisten Baiern kennen z.B. die alten bairischen Wörter für Cousin, Cousine, Schwiegertochter, Onkel, Tante etc. nicht (mehr).

Christian Fahn hält in seinem Donaukurier-Beitrag „Wie viele Kinder reden noch bairisch?“ vom 19. Juni 2012, S. 13 fest, dass „verlässliche Zahlen fehlen.“ Er schlägt darum vor, dass „eine gerade laufende Umfrage in Kindergärten“ dazu Material liefern könnte, „die Ergebnisse aber bleiben unter Verschluss“ und zwar mit dem „Hinweis auf den Datenschutz“. Das Bayerische Familienministerium will keine Ergebnisse herausrücken. Es sind also auch im politischen Bereich Sprachbremser am Werk!

Es gibt auch in Bayern Leute, die den ´Dialekt´ für nicht mehr zeitgemäß halten und sogar die Auffassung vertreten, dass dieser ein Bildungshindernis sei. Es gibt aber nach wie vor Lehrkräfte an allen Schultypen, welche meinen, dass dialektales Sprechen im Schulunterricht nicht unbedingt zu schlechteren Schulnoten führe. Sepp Obermeier, der Vorsitzende des „Bundes Bairische Sprache“, verweist auf die hierzulande wenig bekannte Studie der Universität Oldenburg, „dass Dialekt sprechende Kinder weniger Rechtschreibfehler machen, als solche, die ausschließlich Hochdeutsch sprechen.“

Mundart und Schriftsprache schlieĂźen sich nicht aus

Vorurteile sind unausrottbar. Das gilt auch für die immer noch herrschende Skepsis gegenüber dem ´Dialekt´ sogar in Bayern. Im Grunde können beide, hochdeutsche Schriftsprache und bairische ´Mundart´, unbeschadet gut nebeneinander bestehen. Erstere eignet sich ohne Zweifel mehr als die ´Mundart´ für die Bereiche „Recht“, „Verwaltung“, „Behördenverkehr“, kaufmännischen Schriftverkehr, Literatur und Wissenschaft. Die ´Mundart´ ist eine Sprache, die vor allem mit dem Mund gesprochen wird. Sie ist nach Siegfried Bradl, 2. Vorsitzender des „Förderverein Bairische Sprache und Dialekte“ vor allem „Ausdruck des Lebensgefühls“ und weitaus mehr „Muttersprache“ als die hochdeutsche Schriftsprache – zumindest in Bayern. Ich verweise hier auf das mit ihm geführte Interview im Donaukurier vom 21.02.2013, S. 19 unter dem Titel „“De Gluad weidagebn“. Der Dialekt als Ausdruck des Lebensgefühls – ein bairisches Interview zum „Tag der Muttersprache“.

Die Mundart gibt Sachverhalte plastischer und anschaulicher wieder, was auch von Siegfried Bradl, dem erfahrenen Kenner des Bairischen, bekräftigt wird. Bei der Mundart hat man auch nicht das für fast alle europäischen Sprachen geltende Problem, dass man die meisten Wörter anders schreibt, als man sie spricht. Es ist allerdings ein besonderes Problem bei den Mundarten, das gesprochene Wort auch in einer passenden Phonetikschrift festzuhalten. Wertvolle Ansätze für eine optimale Phonetik des Bairischen findet man bereits im frühen 19. Jahrhundert in den Werken des bayerischen Sprachforschers Johann Andreas Schmeller, vor allem in seinen Werken „Bayerisches Wörterbuch“, 2. Ausgabe, 1872-1877 und „Die Mundarten Bayerns grammatisch dargestellt, München 1821.

Kinder

Kinder glĂĽcklich mit Dialekt

Neue Perspektiven fĂĽr die Mundart

Es gab nach dem 2. Weltkrieg einmal eine längere Durststrecke des Bairischen. Da gab es zahlreiche – vielfach nicht aus Bayern stammende – Lehrer, welche nicht wollten, dass die Kinder in der Schule Hochdeutsch sprachen, und welche den Eltern die (angeblich) negativen Folgen solcher Dialektliebe vor Augen hielten. Eine vor kurzem erfolgte Befragung im Raum Pfaffenhofen an der Ilm durch den „Pfaffenhofener Kurier“ ergab, dass die meisten Befragten, auch solche, welche den Dialekt nicht mehr beherrschen, der bairischen Mundart positiv gegenüberstehen. Eine türkische Frau aus Pfaffenhofen brachte das in einmaligen Worten auf den Punkt. Ihre Worte sollen darum zum Abschluss wörtlich wiedergegeben werden (Donaukurier. 21-02.2013, S. 19):

„Mir fällt es schwer, die Leute hier zu verstehen, wenn sie bayrisch oder mit einem anderen Dialekt reden. Ich bin immer erleichtert, wenn die Leute Hochdeutsch sprechen, denn die echten Bayern kann ich oftmals gar nicht verstehen. Allerdings schätze ich es, dass sie ihre Kultur und ihre Sprache bewahren wollen.“

Prof. Dr. Wilhelm Kaltenstadler

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Datum
20.04.2015

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