Umwelt & Aktiv

Das Magazin fĂĽr gesamtheitliches Denken

Das Magazin fĂĽr ganzheitliches Denken

Umweltschutz, Tierschutz, Heimatschutz

WALD UND GARTEN ALS ROMANTISCHE CHIFFREN IM POETISCHEN WERK DES JOSEPH FREIHERR VON EICHENDORFF

eichendorff

Vortrag bei der Tagung des Arbeitskreises fĂĽr Forstgeschichte in Bayern am 23. Juli 2012 in Schloss Affing. Dr. Kaltenstadler

Eichendorff ordnet in der Regel die Begriffe Feld, Wald und Tal fast nie bestimmten geographischen Regionen zu. Relativ oft kommen in seinen Werken Begriffspaare in Verbindung mit „Wald“ vor, so z.B. „Feld und Wald“, „Wald und Feld“ (Frische Fahrt). Sie bilden eine Einheit. Seltener sind die Begriffspaare „Berg und Thal“, „Wald und Strom“ (Reiselied). Dem Wald wird in verschiedenen Gedichten die Farbe „grün“ zugeordnet, so z.B. in „Der Musikant“ (Im grünen Wald sing, dass es schallt) und in „Die Spielleute“ (Im Wald, im grünen Walde). Lokalisierbar ist der schöne, grüne Wald in dem berühmten mehrfach vertonten Gedicht „Abschied“. Das Gedicht hat den Untertitel „Im Walde bei Lubowitz“. Lubowitz ist das Stammschloss der Familie Eichendorff, das im Kreise Ratibor in Schlesien liegt und nur noch eine Ruine ist (Bild unten). Der Dichter verfasste das Gedicht 1810 vor seiner Abreise nach Wien, wo er mit seinem Bruder Wilhelm studierte. Ich zitiere die ersten acht Zeilen. Aus ihnen geht hervor, dass der heimatliche grüne Wald für den Dichter geradezu ein sakraler Ort ist.

O Täler weit, o Höhen,

O schöner, grüner Wald,

Du meiner Lust und Wehen

Andächt´ger Aufenthalt!

Da drauĂźen stets betrogen,

Saust die geschäft´ge Welt,

Schlag noch einmal die Bogen

Um mich du grĂĽnes Zelt.

Der Wald ist bei Eichendorff das Symbol von im Grunde zwei schwer vereinbaren Gegensätzen. Auf der einen Seite steht die „Waldeseinsamkeit“ bzw. „Waldeinsamkeit“ (Gedicht 1834), welche vor allem der Dichter, so z.B. verkörpert durch den „Taugenichts“, immer wieder aufsucht. Auf der anderen Seite kann es im Wald durchaus laut zugehen. Es rauschen dort nicht nur die Quellen (Gedicht „Entschluß“), auch die Musiker lassen dort ihre Instrumente, vor allem das Waldhorn, erklingen. Der Wald ist auch ein Ort der Gefahr und Gefährdung. Der bayerische Sprachforscher Johann Andreas Schmeller schreibt noch in seinem Tagebucheintrag vom 19. Juli 1801 wörtlich: „Die Wälder sind gefährlich“. Der Aufklärer Schmeller sieht anders als der Romantiker Eichendorff im Wald nur einseitig die drohende Gefahr. Im Gedicht „Erinnerung“ wird aber auch bei Eichendorff diese Gefährdung deutlich in der Formulierung „Wirres Rauschen in den Wipfeln“. Auch Zauberinnen treiben im Walde ihr Unwesen („Die Zauberin im Walde“ 1808).

Im Wald sind auch die Rehe durch die Jäger gefährdet. Der Wald ist aber nicht nur Ort der Gefahr. Wald und Strom werden bei Eichendorff manchmal sogar als Musik-Instrumente aufgefasst. Im Gedicht „Dryander und die Musikantenbande“ (das Gedicht wurde ursprünglich im Roman „Dichter und ihre Gesellen“ publiziert) „musizieren“ Strom und Wälder.

Es sind also bei Eichendorff (und auch bei anderen Romantikern) vor allem Feld und Wald typisch romantische Chiffren. Das ist umso beachtlicher, als viele Jahrhunderte lang zumindest in Deutschland der Wald als ausgesprochen menschenfeindlich und Rückzugsort der Räuber und Wegelagerer galt.

Chiffren wie Wald und Feld haben hierzulande lange Zeit kompetente und weniger kompetente Forscher dahingehend gedeutet, dass die romantischen Dichter keinen Bezug zur sog. Realität hatten. Man hatte aber gerade im 19. Jahrhundert eine sehr begrenzte materialistische Vorstellung von der Realität. Die bei Eichendorff gebrauchten Chiffren stellen, wie man heute immer mehr erkennt, eine höhere symbolische Form der Realität dar. Dichtung ist auch heute nicht Ausdruck einer unmittelbaren objektiven Realität. In Kunst und Wissenschaft wird die Wahrnehmung bzw. Falschnehmung immer mehr als vom Subjekt ausgehend erkannt. Selbst in der modernen Quantenphysik gibt es nach Anton Zeilinger (Nobelpreisträger) eine vom Subjekt geprägte Realität.

Eine Vorstufe des Waldes stellt bei Eichendorff der Garten dar. Er gehört wie der Wald „zu den wichtigsten Eichendorffschen Urbildern“. Dieser Garten, mehr Wald als Garten, auf keinen Fall ein Nutzgarten, wie ihn sich die Philister in Eichendorffs Satire „Krieg den Philistern“ vorstellen, war „viel mehr Innen- als Außenwelt“.Man darf allerdings aus den spärlichen Details, mit denen der Dichter seine Gärten beschreibt, nicht den Schluss ziehen, dass diese ein Phantasieprodukt oder gar ein gedankliches Konstrukt sind. Eichendorffs Wäldern und Gärten liegen durchaus reale Bilder zugrunde – diese sind so real, dass sie, wie Eichendorff einmal sagte, brennen müssen -, doch sind diese nicht eine detailgetreue Wiedergabe der Wirklichkeit, sondern durch den Dichter verarbeitet und vor allem verinnerlicht. Es scheint, dass der Dichter bei seinen Gärten durchaus konkrete Gärten wie z.B. den Reinhardt´schen Garten am Giebichenstein bei Halle im Blickfeld hatte und wohl auch mehrere Gartenbilder miteinander kombinierte. Eichendorff nennt in seinem Altersgedicht „Bei Halle“ die Burg Giebichenstein und die vorbeifließende Saale– was er selten tut – mit Namen. Der Reinhardt´sche Garten bleibt ungenannt. Doch die durchs Grün schallenden Gesänge kommen nicht von irgendwo her, sondern aus dem verschwiegenen Garten. Die „Burg überm Tale“, in der vorletzten Strophe als verfallenes Schloss bezeichnet, ist aber im Grund ein Aufhänger, der die Erinnerungen, Stimmungen und überhaupt die Innenwelt der Landschaft aus der Sicht des Dichters widerspiegelt. Dieser Reinhardt´sche Garten, den der Dichter in seinem Gedicht nicht mit Namen nennt, der aber im Spätwerk „Halle und Heidelberg“ als „der am Giebichenstein belegene Reichardtsche Garten mit seinen geistreichen und schönen Töchtern“ apostrophiert wird, erscheint selbst dem Dichter in dieser autobiographischen Skizze als „Völlig mystisch“.

Im „Taugenichts“ ist es der „herrschaftliche Garten“ mit einem nicht näher präzisierten Schloss in der Mitte, den wir uns am ehesten als Schlosspark wie in Affing vorstellen müssen. Das Schloss, in welchem die „schöne Fraue“ – sie hat weder Vor- noch Familiennamen – wohnt, wird immer wieder in der Novelle genannt. Erst am Ende der Novelle gibt der Dichter mehr Details zu ihrer Herkunft. Wie die schöne Fraue bleibt das Schloss ohne Namen. Auch wenn die „Vielschöne, hohe Fraue“ namenlos bleibt, erinnert sie doch „stark an Walther von der Vogelweides Gedicht ´Nemt, frouwe, disen kranz´“.

Ob dieser „herrschaftliche Garten“ im „Taugenichts“ mehr englischer oder französischer Garten ist, ist für die Symbolik von Eichendorff im „Taugenichts“ zweitrangig. Es ist ja auch kein sog. realer Garten in einer sog. realen geographischen Region. Man staunt, dass Eichendorff nicht nur in Schlesien bekannt ist. Es gibt auch in Bayern Eichendorff-Denkmale, so z.B. Ebersberger Forst.

Gärtchen ist mehr Symbol der Poesie als Gegenstand der Botanik oder gar der Betriebswirtschaft. Denn der „Taugenichts“ reißt bei der Übernahme dieses Kleingartens alle sog. nützlichen Gewächse wie Kartoffeln und sonstiges nützliches Gemüse heraus und bepflanzt es mit den „auserlesensten Blumen“. Er kann ja der verehrten „schönen Fraue“ kein Gemüse verehren.

Auch bei Eichendorff bestehen Park und Wald aus Bäumen, welche aber nur ganz selten einen Namen haben. Einen Namen bekommen Bäume bei ihm vor allem dann, wenn sie wie die Linde in dem am Waldesrand gelegenen Dorf ein Symbol der überindividuellen Gemeinschaft sind, wo sich vor allem junge Leute versammeln.

Bei Eichendorff hat der namenlose Wald unterschiedliche Dimensionen. Der Wald – nicht die Wälder – kann Ausdruck der Freude, aber auch der Angst sein. Im „Taugenichts“ macht das „Rauschen der Wälder“, eine Floskel, die bei den Romantikern Allgemeingut ist, beinahe Angst. Im Gedicht „Musikantengruß“ wird der Begriff verkürzt auf „Waldsrauschen“. Dieses steigt wie eine Person zusammen mit den Gesängen „durch das Fenster“ ins Haus – womit aber kein bestimmtes Haus gemeint ist. Haus ist genauso ein Symbol wie Wald oder Waldesrauschen.

Der Wald ist aber im „Taugenichts“ auch der Ort, wo sich die Räuber aufhalten, auch solche Personen, die sich als Räuber tarnen. Im Werk von Eichendorff finden sich in Verbindung mit Wäldern häufig auch hohe Berge, von denen aus man, wenn man auf einen hohen Baum steigt, einen großen Weitblick hat. Das kann bei Eichendorff auch ein Birnbaum sein.

Bei Eichendorff sind die Wälder und das „Waldesrauschen“ allgemein gĂĽltige Phänomene, welche allerdings nicht eine bestimmte Landschaft und schon gar nicht die Forstwirtschaft einer Nation widerspiegeln. Nach der Revolution von 1848 begreifen die Spätromantiker – in Verkennung der deutschen Hochromantik – Wald und Waldesrauschen zunehmend als ein nationales Phänomen. Es gab ja dann im 20. Jahrhundert auch eine eigene „deutsche Physik“. In diesem Sinne hat sich 1862 der spätromantische Dichter Emanuel Geibel geäuĂźert:

„Wir hören deutsches Waldesrauschen,

Wir atmen deutschen Maienduft.

Die Herrlichkeit verschollner Tage

Steigt mondbeglänzt vor uns herauf,

Uns geht beim Waldhornruf der Sage

Das Herz in süßem Schauder auf.“

Diese Verengung des Waldesrauschens auf den deutschen Wald ist nicht die Sprache von Eichendorff. Dieser vermeidet eine geographische Zuordnung beim Rauschen der Wipfel. In der Satire „Krieg den Philistern“, in welcher auch das „Waldsrauschen“ von den Bergeshöhn vorkommt, gestattet der Dichter dem Schulrat, einer namenlosen Figur, festzustellen, dass in diesem Rauschen „weder Takt noch Verstand darin“ sei und zudem „manchen gesunden Sinn“ verrücke. Solch extremes Denken liebte der Dichter nicht. Eichendorff hatte kein Verständnis für deutsche Übertreibungen und den Verlust der Mitte, ein besonderes deutsches Phänomen. In den folgenden Zeilen treiben der Schulrat und das „Plenum“ den von Eichendorff kritisierten Utilitarismus, eine Begleiterscheinung der deutschen Industrialisierung, auf die Spitze (Krieg den Philistern, 2. Abenteuer):

Schulrat: Denn auch gar oft von den Bergeshöhen

Hört man Waldsrauschen herüberwehen,

´s ist weder Takt noch Verstand darin,

VerrĂĽckt doch manchen gesunden Sinn;

Wir wollen den Wind bei den MĂĽhlen anstellen,

Da ĂĽberklappert er Wald und Quellen,

Bläst hinfüro doch mit Verstand,

Schafft uns beinebst noch Proviant.

PLENUM: Ja, die MĂĽhlen soll er [der Wind] drehen,

Da wird ihm das mĂĽĂźige Rauschen vergehen!

Da wird ihm das mĂĽĂźige Rauschen vergehen!

In den nachfolgenden Versen bestätigt der Bürgermeister in utilitaristischer aufgeklärter Denkungsweise die Umwandlung „der verworrenen Natur … zur bequemen Kultur.“

Hier wird deutlich, wie sehr der Dichter ein Mann des MaĂźes und der Mitte ist: Er verwirft auf der einen Seite das auf Deutschland beschränkte nationale Waldesrauschen und macht sich auf der anderen Seite – in ironischer Ăśbersteigerung – ĂĽber die damals immer mehr zunehmende Tendenz lustig, humane Phänomene zu rationalisieren und – so wĂĽrde man in unserer Zeit der verfehlten Globalisierung sagen – der Profitorientierung zu unterwerfen.

Die Chiffre „Wald“ beschränkt sich bei Eichendorff nicht auf die Zyklen „Wanderlieder“, „Sängerleben“, „Frühling und Liebe“ etc. Sie kommt auch in Zusammenhängen vor, wo man sie nicht vermuten würde, so z.B. im politischen Gedicht „Libertas Klage“. In diesem Gedicht geht es um eine humane Freiheit, in welcher der Mensch in der Mitte steht.

Eichendorff ist, wie das Gedicht „Libertas´ Klage“ zeigt, kein Feind der (wahren) Freiheit. Aber seine Freiheitsvorstellung ist eine andere als die des politischen Liberalismus, auf keinen Fall eine nationalistisch oder sozialistisch orientierte Freiheit. Der Dichter lässt die „Libertas“ persönlich zu Wort kommen:

„Weh, du Land, das keck mich bannte,

Und da ich zu dir mich wandte,

Mich blödsinnig nicht erkannte;

 

Weh, du schönes Land der Eichen!

Bruderzwist[1] schon, den todbleichen,

Seh´ ich mit der Mordaxt schleichen.

Und in künft´gen öden Tagen

Werden nur verworrne Sagen

Um den deutschen Wald noch klagen.“

 

[1] Eichendorf deutet hier wohl den Konflikt zwischen Preußen und Habsburg an, der ja 1866 in der Schlacht von Hradove Kralec (Königsgrätz) zur Abspaltung von Österreich von Deutschland führte.

Dieses Gedicht ist an dieser Stelle besonders wichtig, da es eines der ganz wenigen Gedichte ist, in welchem namentlich vom „deutschen Wald“ die Rede ist. Doch auch hier ist der deutsche Wald nicht ein Symbol des Nationalismus, sondern steht als Chiffre für einen nur angedeuteten Verlust in den „öden Tagen“. Auch die Charakterisierung des Landes – der Dichter verzichtet hier wohl bewusst auf den Namen „Deutschland“ – als „schönes Land der Eichen“ darf man nicht als nationale Charakterisierung auffassen. Der „Eichbaum“ kommt auch noch in anderen Gedichten in durchaus prosaischer Gestalt vor. Im Gedicht „Die Spielleute“ (das auch im „Taugenichts“ vorkommt) deckt er den speisenden Musikanten „den grünen Tisch“. Diesen Eichbaum kann man also nicht einer bestimmten Nation zuweisen. Er hätte in dieser Form auch in Italien stehen können, wo der Dichter ja einen Großteil des „Taugenichts“ spielen lässt.

Im Übrigen wusste der grundbesitzende Dichter wohl ganz sicher, dass es zahlreiche Staaten in Europa gab, in denen mehr Eichen wuchsen als in Deutschland. Wie gegenwartsbezogen dieses Gedicht ist, zeigt der nicht zu übersehende Hinweis auf den „Bruderzwist“ zwischen den Hohenzollern und den Habsburgern. Doch auch dieser wird – typisch Eichendorff, wage ich hier zu sagen – nur angedeutet.

Eichendorff war ein nobler Mann, tolerant und auch mit jüdischen Familien befreundet.  Als er am 26. November 1857 im Alter von 69 Jahren starb, dauerte es ziemlich lange, bis die deutsche Öffentlichkeit merkte, dass er nicht mehr unter den Lebenden war. Es waren nur wenige Trauergäste, welche ihm am 26. November im heutigen polnisch-deutschen Grenzort Neiße das Trauergeleit gaben. Sein Grab wurde erst später ausgeschmückt und zum Ehrengrab umgestaltet.

Mehr zum Thema: „Die Deutschen und ihr Wald“ finden Sie in der Ausgabe 3/2014 der Zeitschrift Umwelt & Aktiv

ausgabe-3-2014

Wir danken Herrn Dr. Kaltenstadler fĂĽr die Bereitstellung des Textes.

 

 

 

Verwandte Artikel:


Artikel-Metadaten

Datum
05.10.2014

Kategorie



Kommentare sind nicht mehr zugelassen.