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Rückgang unserer Singvögel: Auf dem Acker extrem, in der Stadt halb so wild

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„Der stumme Frühling“, vor dem Rachel Louise Carson Anfang der 60er Jahre im gleichnamigen Buchverkaufsschlager warnte, ist längst in Deutschland angekommen. Die Maismonokulturen, die sich hierzulande seit einigen Jahren ausbreiten, bieten „wahrlich keinen Lebensraum für die meisten Feldvögel“, meint auch Hennig Vierhaus. Der Vorsitzende der Fachstelle Naturkunde und Naturschutz im Westfälischen Heimatbund setzt sich in Heimatpflege in Westfalen mit dem Rückgang der Singvögel auseinander (3/2015). Zwar begännen Kiebitze oft mit einer Brut auf den bis in den Frühling hinein offenen Böden. Jedoch bliebe der Bruterfolg aus, da die nachfolgenden Feldarbeiten die Nester zerstörten.

Vierhaus äußert großes Verständnis für die wirtschaftlichen Zwänge der Landwirte. Er hält es allerdings für „ärgerlich, wenn man in Gesprächen mit Bauern zu hören bekommt, daß die Krähen für den Niedergang der Feldvögel verantwortlich seien“. Dies werde, falls überhaupt, nur mit Zufallsbeobachtungen begründet. Studien würden hingegen belegen, daß Saatkrähen nur in Ausnahmefällen Nester von Bodenbrütern plündern.

Ornithologen beklagen den Rückgang der Singvögel seit Jahrzehnten. Peter Berthold von der Vogelwarte Radolfzell stellte schon Mitte der 90er Jahre fest, daß 86 Prozent aller Singvogelarten von schrumpfenden Beständen betroffen sind. Laut NABU sind in Deutschland aktuell mehr als 50 Vogelarten vom Aussterben bedroht bzw. stark gefährdet, darunter Rebhuhn und Grauspecht.

 

Während Vierhaus zurecht einen „stummen Frühling“ für das offene Land erkennt, sieht er das im Stadtgebiet differenziert. Es sei zweifelhaft, ob die Zahl der kleinen Singvögel in unseren Gärten wirklich so stark abgenommen habe, wie landläufig behauptet werde. Diese Frage sei an die wissenschaftliche Ökologie gerichtet. Einzelbeobachtungen und Medienberichte über angebliche Rückgangsursachen böten hingegen keine ausreichende Grundlage für solche Feststellungen.

Heimische Zugvogelarten würden ebenso Opfer von Vogelfängern am Mittelmeer und des hemmungslosen Gifteinsatzes Afrikanischer Bauern wie von Starkstromtrassen, Glaspalästen und Straßenverkehr hierzulande.

Tatsächlich biete aber auch der moderne Vorstadtgarten nicht mehr denselben Lebensraum wie der Stadtrand oder das Dorf vor 50 Jahren. „Aus unseren Gärten sind in den zurückliegenden Jahrzehnten leider mehrere Vogelarten verschwunden.“ Amseln, Buchfinken, Mönchsgrasmücken und Rotkehlchen sängen jedoch unvermindert in menschlichen Siedlungen weiter. Blau- und Kohlmeisen seien ebenfalls zahlreich, ihr Gesang falle aber nicht auf. Vierhaus, selbst über 80 Jahre alt, schreibt vor allem der älteren Generation ins Stammbuch, ihre heutige Wahrnehmung nicht mit Jugenderinnerungen zu verbinden. Im Alter lasse die Hörfähigkeit für hohe Töne nach. So könne Vierhaus selbst keine Grauschnäpper, Goldhähnchen oder Kernbeißer mehr hören. „Deswegen würde ich nicht behaupten, diese Vogelarten gibt es nicht mehr.“

Ein Lösungsansatz für die nicht zu leugnenden Problemen ist recht einfach: Von Stadtmenschen und Landwirten wünscht sich Vierhaus, „mehr Wildnis im eigenen Garten zuzulassen“ und einzusehen, „daß eine sich selbst überlassene Fläche kein Unland, sondern eher ein kleines Naturparadies ist“. Längerfristige, fachkundige Erfassungen von Ackerflächen, die nicht intensivbehandelt würden, hätten gezeigt, daß diese sich „schnell positiv auf die bedrohten Feldvogelarten auswirken“ würden.

Vierhaus‘ Ansatz wird durch Forschungen der Ökologin Gretchen Daily von der Universität Stanford bestätigt. Sie fand bei Forschungen in Costa Rica heraus, daß bereits kleine sich selbst überlassene Habitate inmitten menschlich geformter Landschaft die Artenvielflat signifikant erhöhen. Ausschlaggebend sei vor allem die Anwesenheit von Bäumen. Daily, eine Schülerin des ökologischen Untergangspropheten Paul Ehrlich (Die Bevölkerungsbombe, 1968) fand überdies heraus, daß hiervon die Landwirte profitieren. Wo Landwirtschaft auf Artenvielfalt trifft, sind die Ernteerträge höher. Diese Ergebnisse bestätigten sich in Nordamerika ebenso. Daily hält allerdings wenig davon, sich um fast ausgestorbene Tierarten zu bemühen. Ihr Einfluß auf das Ökosystem sein schlichtweg nicht mehr von Bedeutung.

Trotz solcher positiven Gestaltungsmöglichkeiten durch den Menschen könnten laut Vierhaus die nachteiligen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte nicht mehr rückgängig gemacht werden.

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Datum
09.09.2015

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4 Kommentare zum Artikel “Rückgang unserer Singvögel: Auf dem Acker extrem, in der Stadt halb so wild”


  1. Corinna Weiss meint:
    12.09.2015 um 21:21


    Leider wird in dem Artikel nicht erwähnt, daß der dramatische Schwund unserer Singvögel auch mit der zunehmenden Katzenflut zusammenhängt. Auf diese Gefahr hat auch der Ornithologe Prof. Berthold nicht nur hingewiesen, sondern bundesweite Kastrationspflicht sowie Katzensteuer gefordert, um auf Sicht die Katzenflut einzudämmen. Lt. Statistika (SZ v. 25.10.2013) leben in Deutschland gut 12 Millionen Katzen (meist sog. Feigänger) bei neun Millionen Menschen.
    Jährlich werden etwa 200 Millionen Vögel und Kleinsäuger von sog. Freigänger-Katzen getötet.
    Auch nach jahrhundertelanger Domestizierung ist die gewöhnliche Hauskatze immer noch ein Raubtier und wurde bereits 2001 von der Weltnaturschutzorganisation auf die Liste der 100 gefährlichsten Tiere für andere Arten gesetzt mit der Begründung: Freilaufende Katzen seien in der Lage, ganze Vogelarten auszurotten.
    Zur Verdeutlichung des eklatanten Anstiegs der Hauskatzen: 1986: 4 Millionen, 2013: 10-12 Millionen. Im Klartext heißt dies, daß die Zahl der Hauskatzen innerhalb von nicht einmal 30 Jahren um 200 % zugenommen bzw. sich verdreifacht hat – ein Desaster für wild lebende Tierarten wie Vögel und Kleinsäuger und eine Katastrophe angesichts des gravierenden, zusätzlichen Verlustes ihrer Lebensräume aufgrund industrialisierter Landwirtschaft, Verbauung usw.
    Da nützt die schönste Wildnis im Garten nichts, wenn Tag und Nacht (Nachbars-)Katzen auf Beutefang aus sind …

  2. Ulrich Dittmann meint:
    15.09.2015 um 20:28


    Replik zu dem Kommentar von Corinna Weiss:

    Die immer wieder kolportierte Behauptung Katzen seien zum großen Maße verantwortlich für ein gigantisches Vogelsterben, gar hier mit Zahlenangabe von 200 Millionen, zeugt von wenig Fachwissen.

    Rein rechnerisch(!), d.h. Anzahl der Katzen in Deutschland (zudem viele im Haushalt lebend) in Bezug gesetzt zu der Behauptung sie töteten 2oo Millionen(!) Vögel, ist blanker Unfug.

    Unabhängig von dem unsäglichen Vogelmorden in südlichen Ländern, sind Grund des (Vogel-)Artensterbens, der vom Masseneinsatz von Herbiziden und Pestiziden verpestete Boden – und eine von Windrädern schlicht versiffte Landschaft. Allein hunderttausende Vögel verenden im Luftsog der Propeller.
    Die Felder werden von Gebüsch „bereinigt“, die Natur überall kaputt-kultiviert – am besten gleich zubetoniert. Hier sind die Gründe beheimatet.

    Hier, in diesen Bereichen, sollten sich insbes. unsere Jäger – die selbsternannten Heger – naturschützend einbringen, statt mit Blei und Eisen mehr oder weniger zielsicher erbarmungslos ca. 300 000 Katzen und 35 000 Hunde p.a. mit Eisen und Schrot zu durchlöchern, nur weil diese als unliebsame „Jagdkonkurrenz“ angesehen werden.

    Wichtig die Forderung nach Sterilisation, resp. Kastration von Katzen, allein schon um das Katzenelend zu vermindern. Da trotz aller Appelle der Natur- und Tierschutzorganisationen, viele Katzenhalter – sträflich gleichgültig, oder aus purem Geiz – dies versäumen, sollten hier zwingend verpflichtende Verordnungen oder Gesetze erlassen werden.

    Überall steht der Mensch, die „Dornenkrone der Schöpfung“ in der Pflicht – doch er nimmt sie nicht wahr…

    Klartext: Es ist schlicht menschliche Perfidität, Katzen auch noch für den Vogelschwund verantwortlich zu machen.

    Ulrich Dittmann / 15.09.2015

  3. Laura Horn meint:
    21.09.2015 um 09:29


    Beim Thema „Katzen und Singvogelschwund“ schlagen die Wellen der Emotionen immer hoch, auch unter engagierten Tierschützern. Unbestritten ist, daß der alarmierende Rückgang unserer Singvögel viele Gründe hat, wie auch im Beitrag angeführt. Doch selbst wenn Statistiken in ihrer Höhe angezweifelt werden können, so ist Fakt, daß sich die Zahl der meist frei laufenden Hauskatzen in den letzten Jahrzehnten eklatant vervielfacht hat und demzufolge auch die Gefahren für unsere Vögel, insbesondere im Frühjahr zur Brutzeit. Diese Tatsache zu verharmlosen oder gar zu negieren, dient niemandem. Inzwischen wird erfreulicherweise auch seitens einiger Tierschutz- bzw. Vogelschutzorganisationen eingeräumt, daß Katzen mitverantwortlich (!) sind am Rückgang von Singvögeln, Bodenbrütern und Kleinsäugern.

  4. Natur Schutz ( Lügpres Michel ) meint:
    21.09.2015 um 09:52


    Sie fordern ein Gesetz für Katzenhalter ? Wie naiv sind Sie ? Haben die Tierschutzgesetze Ihnen noch nicht bewiesen, welch unsägliches Unrecht und Leid gegenüber der Tierwelt bis dato die gut gemeinten Gesetze verursachen ? Die Natur regelt sich selbst ist ein einfaches Naturgesetz, nur der Mensch glaubt und hofft durch sinnlose angebliche Tierschutzgesetze eingreifen zu müssen. Sehen Sie Massentierhaltungen, Tierversuche etc.

    Chemtrails, Geoenineering, HAARP, CERN, FEMA Gentechnik etc. das sind Naturzerstörer durch Menschen auf legaler g e s e t z l i c h e r durch ach so gute Demokratie, dessen Volk als verblödete Sklaven die Realität nicht erkennen will. Zu intellektuell.

    Ansonsten stimme ich Ihren Artikel anerkennend zu. Natur ist Leben, sonst nichts.
    Unwissen ist die Schwester der Dummheit, beide sind grenzenlos