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Chinas demographisches Dilemma

91776_original_R_by_jurec_pixelio.deDie Zwei-Kind-Familie wird gebraucht, aber von Eltern gescheut

In Diskussionen zum Thema Entwicklung der Weltbevölkerung wird häufig das chinesische Modell der Ein-Kind-Politik als Maßnahme gegen Überbevölkerung gelobt. Hierbei wird jedoch regelmäßig übersehen, daß das kommunistische Regime im Reich der Mitte mittlerweile gegen ein demographisches Überalterungsproblem anzukämpfen hat. Da dieses Überalterungsproblem eine direkte Folge der Ein-Kind-Politik ist, gibt es längst zahlreiche Ausnahmen von der Ein-Kind-Familie. Doch obwohl die Zwei-Kind-Familie durch das Regime mittlerweile erwünscht ist, lassen sich die Eltern in China kaum noch auf dieses Familienmodell ein.

Ying-Li hat weder Bruder noch Schwester. Obwohl seine Eltern seit der Lockerung der Ein-Kind-Politik im Dezember 2013 ein zweites Kind bekommen könnten, haben sie sich bewußt dagegen entschieden. Mit den steigenden Lebenshaltungskosten ist ihnen an ein zweites Kind schlichtweg zu teuer. Auch sorgen sich viele Eltern wegen der stärker werdenden Luft- und Umweltverschmutzung um die Gesundheit ihrer Kinder. Nicht ohne Grund werden seit etwa anderthalb Jahren in deutschen Supermärkten die Regale mit der Säuglingsnahrung durch Chinesen leergekauft, um damit ihre Verwandten in China zu versorgen (U&A berichtete auf www.umweltundaktiv.de).

Lebensmodelle, in denen Kinder kaum eine Rolle spielen, finden immer breitere Zustimmung unter den Chinesen. Die jahrzehntelange Propagierung der Idealfamilie mit nur einem Kind hat sich in den Köpfen durchgesetzt: Viele Eltern sind zufrieden mit einem Kind und planen kein zweites.

Die Lockerung der Ein-Kind-Politik zeigt daher bislang wenig Wirkung. Laut einem Bericht der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) vom 17. Januar 2015 nimmt die Zahl der kinderlosen Haushalte sogar zu. Seit Ende 2013 dürfen Paare einen Antrag auf ein zweites Kind stellen, wenn mindestens ein Elternteil ein Einzelkind ist. Doch von den 11 Millionen Berechtigten Elternpaaren hat im Jahr 2014 „nur“ eine Million von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Für ethnische Minderheiten und Paare wiederum, bei denen beide Partner Einzelkind sind, für Bauern, deren erstes Kind ein Mädchen ist sowie für Familien, bei denen das erste Kind eine Behinderung hat, ist die Ein-Kind-Politik schon vor 2013 gelockert worden: Bekommen Familien außerhalb dieser Regelungen ein zweites oder drittes Kind, müssen sie Strafen zahlen. Wenn sie die hohen Gebühren nicht aufbringen können, werden die Kinder nicht offiziell registriert und gelten als illegal. Der Zugang zu Gesundheitsversorgung oder Bildung ist dadurch faktisch verbaut. Ebenso eingeschränkt ist damit die Möglichkeit, eine Beschäftigung auf dem regulären Arbeitsmarkt zu finden. Trotzdem hatten zahlreiche Familien diese Strafen, Beschränkungen und Mehrkosten in Kauf genommen.

Die Ein-Kind-Politik wurde 1980 eingeführt, um Chinas rasantes Bevölkerungswachstum unter Kontrolle zu bringen. In den Wohnquartieren wurden laut obengenanntem NZZ-Bericht kostenlos Kondome verteilt. Frauen erhielten leicht Zugang zu Abtreibungen. Und es gab landesweit umfassende Aufklärungsprogramme. Mittlerweile ist die Ein-Kind-Politik maßgeblich für Chinas demographisches Dilemma verantwortlich. Mehr als 200 Millionen von den knapp 1,4 Milliarden Chinesen sind älter als 60 Jahre, auch dank der deutlich gestiegenen Lebenserwartung.

Die offizielle Geburtenrate liegt – trotz Ein-Kind-Politik – mit 1,6 Kindern pro Frau auf westeuropäisch niedrigem Niveau, während das Pro-Kopf-Einkommen nur etwa 15 Prozent des deutschen Pro-Kopf-Einkommens ausmacht. Nach Jahren des wirtschaftlichen Booms dank eines Überschusses an Arbeitskräften wird die fortschreitende Alterung der Bevölkerung zu einer zentralen Herausforderung für die wirtschaftliche Entwicklung und die gesellschaftliche Stabilität des Landes. Die Generation der in den fünfziger Jahren geborenen „Babyboomer“ verabschiedet sich derzeit ins Rentenalter. Dieses liegt mit 55 Jahren für Frauen und 60 Jahren für Männer deutlich unter dem westeuropäischer Staaten. 2012 sind erstmals mehr Menschen aus dem Arbeitsleben ausgeschieden als eingetreten (IP Länderreport China).

Berechnungen der Vereinten Nationen zufolge wird Chinas Bevölkerung bis zum Jahr 2030 bei steigendem Durchschnittsalter wachsen. Besonders riskant sind die Folgen des demographischen Wandels für das im Aufbau befindliche Sozialversicherungssystem. Die Alterung der Gesellschaft für das Renten- und Gesundheitssystem stößt an seine Grenzen; während die Ausgaben kontinuierlich steigen, sinken die Einnahmen der Sozialkassen mit der abnehmenden Zahl von Erwerbstätigen. Ein solide finanziertes und vorausschauend verbreitetes Rentensystem könnte diese Entwicklung abfedern. Doch ein solches System ist erst im Aufbau. Es fehlt an ausreichenden Reserven, um den rasanten Anstieg an Rentenansprüchen zu bedienen. Deshalb drohen Zahlungsausfälle und Rentenkürzungen.

Der demographische Wandel gefährdet Chinas wirtschaftliches Wachstum und die gesellschaftliche Stabilität. Nur wenn es der chinesischen Regierung gelingt passende Anreize zu schaffen, um Mehrkindfamilien attraktiver zu machen und gleichzeitig unpopuläre Maßnahmen wie die Heraufsetzung des Renteneintrittsalters durchzuführen, kann sie die negativen Folgen des demographischen Wandels abfangen.

Bei 1,4 Milliarden Chinesen birgt die Zwei-Kind-Familie freilich das Problem, daß es wiederum sehr schnell zu einem Bevölkerungswachstum kommen könnte, das nach wenigen geburtenstarken Jahrgängen die Rückkehr zur Ein-Kind-Politik erforderlich machen könnte. Die Demographie mag theoretische Idealzustände kennen. Das Beispiel China zeigt jedoch, wie schwer diese zu erreichen sind, selbst wenn einem System undemokratische Zwangsmittel zur Verfügung stehen.

Quellen:

– Felix Lee, Chinas Zwei-Kind-Politik. Eines oder keines, im Netz unter: http://www.nzz.ch/international/asien-und-pazifik/eines-oder-keines-1.18462892

– IP Länderreport: China (Ausgabe 2/2015)

Bildquelle: jurec / pixelio.de

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Datum
30.01.2016

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1 Kommentare zum Artikel “Chinas demographisches Dilemma”


  1. UB meint:
    10.02.2016 um 03:16


    Das Problem des Überalterns und der fehlenden Geburten in den Industriestaaten hatte Gruhl schon in seinen ersten Buch festgestellt (1975). Auch der damalige Club of Rome stellte dies fest und warnte dagegen vor einer weiteren Bevölkerungsexplosion in den „unterentwickelten Staaten“. Nun wird dieser gezüchtete Bevölkerungsüberschuß aus der 3. Welt bewußt nach Mitteleuropa geleitet, um unser Ureuropa zu zerstören.
    Wenn die Grenzen dicht wären, könnten unsere Hochkulturen auch mit niedrigen Geburtenraten zurecht kommen. Japan hat z.B. die niedrigsten Geburtenraten und kommt völlig ohne Zuwanderung aus. China hat zudem das Problem des männlichen Geburtenüberschuß, weil Mädchen unerwünscht sind und deshalb abgetrieben werden.
    Diese Bevölkerungsentwicklungenen sind rein ökologische Probleme, die in den Naturkreisläufen in zugedacht werden müssen. Niemand anders hat das alles so gut dargestellt, wie Herbert Gruhl, der schon vor 30 Jahren davor gewarnt und Recht behalten hatte:

    http://heimattreu-naturkonservativ.npage.de/ist-das-zerstoerte-fliessgleichgewicht-wieder-herstellbar-referat-aus-dem-jahr-1988-von-herbert-gru.html

    http://heimattreu-naturkonservativ.npage.de/die-spaetere-bestaetigung-des-referates-und-gruhls-weitsicht.html






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