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„Der Klimawandel ist ein Selbstheilungsprozeß.“

Ein Gespräch mit dem Philosophen Dr. Reinhard Falter

Herr Dr. Falter, Sie sind Philosoph, Historiker und aktiver Umweltschützer. Als Vorsitzender der Initiative Mühltal und der Arbeitsgemeinschaft Fließgewässerschutz haben Sie 1990 bis 1995 die Renaturierung der Isar südlich von München durchgesetzt. War Ihr Engagement eher konkret motiviert, oder hatten Sie damals schon ein naturphilosophisches Motiv?

Mein Interesse für Naturschutz wurzelt in einem persönlichen Leiden, schon als Jugendlicher, an der Zerstörung. Ich konnte das damals noch kaum beschreiben, aber mir taten Wunden in der Landschaft, wie z.B. Kieswerke, seelisch weh. Ich ahnte früh, daß die sogenannte Naturwissenschaft Natur nicht versteht, sondern ihre Zerstörung anleitet. 
Aus bürgerlichen Verhältnissen stammend, gehörte ich der Generation an, die die Nachwirkungen des Aufbruchs von 1968 zunächst als befreiend empfunden hat und durch „Überlebensfragen“ politisiert wurde. 1982 wurde ich Mitglied der Grünen und war bald Vertreter im Bundeshauptausschuß, wo Rudolf Bahro mein Mentor wurde. Die Naivität der Grünen gegenüber dem parlamentarischen Betrieb und dem korrumpierenden Parteienwesen war mir allerdings schnell suspekt.
In meiner Magisterarbeit über das Walchenseekraftwerk ging es mir zwar primär um die Geschichte des Naturschutzes, aber ich bekam dadurch Kontakt zu den Bürgerinitiativen, die eine Teilnaturierung der dortigen Flußlandschaft anstrebten. Hauptberuflicher Naturschützer wollte ich allerdings niemals werden, da das eigentliche Problem in unserem mangelnden Verständnis dessen besteht, was Natur eigentlich ist. Die von technischem Denken geprägte Ökologie der „zweiten grünen Welle“ besaß nicht mehr das Wissen, das die Heimatschützer um 1900 noch hatten: Naturschutz ist eigentlich der Schutz des aussterbenden Homo sapiens vor dem wildgewordenen Homo faber.

Was meinen Sie mit der „zweiten grünen Welle“?

Damit meine ich die Ökobewegung ab 1970, seit dem Bericht an den Club of Rome. Ihr Ansatz war, daß die Industriegesellschaft ein Tanker ist, der volle Kraft voraus auf den Eisberg der Grenzen des Wachstums zusteuert. Man wollte dem Crash entgegenwirken oder den „ökologischen Fußabdruck“ möglichst klein halten. Aber diese Art von Ökologie ist selbst eine Variante des Modernismus; sie geht nur vom Einzelnen aus und erlebt den Raum als begrenzend. Von ihrem Namen her bedeutet Ökologie etwas anderes: „Oikos“ ist nicht nur Haus, sondern „oikeios“ heißt „geeignet“; der „oikeios topos“ ist der Raum oder Ort, wo etwas hingehört.
Alles hat seine natürliche Ordnung – und diese wiederherzustellen, war das Anliegen der ersten grünen Welle der Lebensreform und des Naturschutzes. Den letzteren Begriff hat der Musiker Ernst Rudorff geprägt. Auch die Wandervogelbewegung gehört in diesen Kontext. Ein Höhepunkt war der Meißnertag der Freideutschen Jugend 1913, für den Ludwig Klages sein berühmtes Manifest „Mensch und Erde“ geschrieben hat, in dem er von der Zivilisation als einer „Verwüstungsorgie“ spricht.
Parallel zu den beiden grünen Wellen vollzog sich der Niedergang der abendländischen Kultur in zwei Schüben: Um 1900 hörte die menschliche Tätigkeit auf, biologische Differenzierung und ästhetische Akzentuierung zu betreiben, wie der frühe Heimatschutz feststellte. Die Artenvielfalt in Mitteleuropa war nämlich wesentlich ein Produkt bäuerlicher Tätigkeit. Gleichzeitig riß auch die abendländische Kunsttradition schlagartig ab: in der Musik mit Bruckner und Brahms, in Dichtung und Malerei etwas später. Sogar der Gelegenheitsdenker und Vielschreiber Peter Sloterdijk sagt, daß seit 1910 innerhalb von drei Generationen ein völliger Verlust der künstlerischen Fähigkeiten eingetreten sei.
Der Unterschied zwischen beiden grünen Wellen kommt auch darin zum Ausdruck daß sich um 1900 überwiegend Künstler und Geisteswissenschaftler engagierten, nach 1970 hauptsächlich Biologen und Techniker.

Und den naturwissenschaftlich orientierten, in Ihren Augen reduktionistischen Ökologen geht es vor allem um quantitativen Artenschutz …

Richtig – mir ging es im Mühltal und anderswo dagegen nicht nur um einzelne Arten, sondern um den Fluß als ganzen und um seine Erfahrbarkeit für sensible Zeitgenossen, was unter Umständen heißen kann, daß die unsensiblen mit ihren Mountainbikes und Kofferradios ausgesperrt werden sollten. Die wahre Spaltung verläuft nicht zwischen Mensch und Natur, sondern zwischen Menschen, die diesen Namen verdienen, und bloßen „Attrappen“, ferngesteuerten Medien- und Modezombies.
 
Das sind aber harte Worte! Können Sie das etwas konkretisieren?

Der wirkliche Mensch wird vom Geist gezogen wie die Zugvögel von einer wärmeren Gegend, und so wie diese zum Brüten wieder zurückkehren, will er seine Ernte halten. Der Attrappenmensch wird von gar nichts gezogen. Er lebt unhistorisch, kreist nur um sich und sein Wohlbefinden. Für ihn stellen sich Sinnfragen nur, wenn es ihm nicht gut geht. Wahre Menschen sind dagegen diejenigen, denen es erst dann gut geht, wenn sie sich im Einklang mit dem Sinn fühlen und diesen auch bewußt mitvollziehen.
Mit Biologie hat das allerdings nichts zu tun; die Menschen lassen sich vielmehr in zwei nichtbiologische Arten unterteilen. Hans Blüher sagt über diese „anthropologischen Rassen“, daß sie in jedem Menschen zwar gemischt, aber doch in sehr unterschiedlichem Mischungsverhältnis auftreten. Er bezeichnet das als Gesetz der Allogenität. Von „Rassen“ in einem trennscharfen Sinne kann man also eigentlich nicht reden. Es handelt sich eher um Weisen des menschlichen In-der-Welt-Seins, mit Heidegger gesprochen.
Manche spüren, was ihnen vom Schicksal aufgegeben ist; andere nicht. Das hat wenig mit Intelligenz zu tun; meist ist es der sogenannte Intellektuelle, der keine Aufgegebenheit und Normativität mehr empfindet. Er versucht nur, am vorherrschenden Verhalten in der Gesellschaft „Werte“ zu erkennen, anstatt denkend in den Bereich vor der Trennung von Wert und Faktum vorzudringen. „Werte“ sind bloße Meinungen; das Aufgegebene ist eine Kraft. Der wahrhaftige Mensch aber ist seinem Wesen nach „anfänglich“, d.h. er existiert als Mensch nicht mehr auf der Ausdrucksseite, sondern auf der Eindrucksseite der Natur. Die Welt ist ihm nicht bloß gegeben, sondern aufgegeben, ähnlich wie die Goldmarie im Märchen das Brot im Ofen rufen hört: „Zieh mich raus!“

Was bedeuten für Sie „Eindruck“ und „Ausdruck“ in der Natur?

Alle Berge, Pflanzen und Tiere sind Ausdruck: Worte der Natursprache; der Mensch steht am Übergang vom Sprechen zum Hören und Verstehen. Er ist der erste bislang bekannte Versuch des Naturprozesses, sich ein Auffassungsorgan zu schaffen. Anthropologisch kann man vom Menschen als vom „nichtfestgestellten Tier“ sprechen. Es handelt sich um einen Prozeß der Entspezialisierung, der schon mit den Primaten beginnt. Spezialisierung ist sowohl Ausdruck als auch Verhärtung; hierin besteht das apollinische Prinzip. Sie ist zugleich eine erste Umstülpung von der Gestalt zum Raum, freilich mit der Gefahr, daß kein substanzieller – atmosphärisch-qualitativer – Raum mehr wahrgenommen wird, sondern nur noch Leere. Aber es besteht auch die Möglichkeit, daß im Menschen eine Gestalt erscheint, die nicht nur sich ausdrückt, sondern das Prinzip der Ganzheit selbst artikuliert. Die Menschwerdung vollzieht sich also als Raumbildung, und während das Tier seine Art-Eigentümlichkeit in sich hat, muß sie der Mensch erst gleichsam „einatmen“.

Und das gelingt heute offenbar nicht mehr jedem?

Nein, das ist die Ausnahme. Der Naturschützer Hans Domizlaff schrieb dazu 1957: „Das tiefbefriedigende und alle Sinne einbeziehende Glücksgefühl bei dem Bewußtsein eines erreichten Einklanges mit dem Schöpfungswillen“ kann „nicht mit Worten beschrieben werden, so daß es allen unverständlich bleibt, denen es nie zuteilwurde.“ Heute gilt eine solche Unterscheidung als „menschenfeindlich“ und „rassistisch“, aber sie macht überhaupt erst klar, was Menschsein darstellt. Früher war dies noch selbstverständlich; heute darf man kaum noch über solche Unterschiede sprechen. Allerdings sind diese anthropologischen Unterschiede kein modernes Phänomen, sondern wurden bereits in der Antike wahrgenommen. In der Moderne ist der Typus des Homo faber freilich zur Herrschaft gekommen. Schon Plotin spricht davon, daß es auf Erden zweierlei Maß gibt: eines für die Weisen und eines für die Massen. Die Menschen haben eben unterschiedliche Aufgaben, weil sie ihrem Wesen nach verschieden sind. Nur der „durchflossene“ Mensch ist im eigentlichen Sinne „Mensch“ oder „Person“. Allerdings ist der Begriff der Person durch den postchristlichen Personalismus, der jedem gleichermaßen Unsterblichkeit zuspricht, unbrauchbar geworden.
Aus heutiger Sicht „inhuman“ äußern sich auch z.B. Balthasar Gracian oder Giordano Bruno, später und schärfer dann Schopenhauer, sogar der „Idealist“ Schelling und im 20. Jahrhundert etwa Rudolf Steiner, der von den vielen „ichlosen“ Menschen spricht und die Auffassung der materialistischen Moderne kritisiert, daß bloß die Quantität zählt, die reine Bevölkerungszahl, und nicht die Möglichkeit zu einem qualitativen Menschsein. Die gutmenschlich-anthropozentrischen Umweltschützer von heute trauen sich, anders als ihre Vorgänger wie Konrad Lorenz und Bernhard Grzimek, nicht einmal mehr, solche Fragen überhaupt noch zu stellen.

Sie sprechen vom „Durchflossensein“ des Menschen, schreiben in Ihren Büchern über unterschiedliche Qualitäten des Fließens, denken die Kulturgeschichte oft von Flüssen her bzw. vom menschlichen Verhältnis zu diesen. Der Fluß ist also eine Hauptmetapher für Leben und Natur …

Er ist noch weit mehr; er ist ein nichtbiologisches oder nichtorganismisches Lebewesen. Dazu gehören diejenigen, die nicht das Äußere, die individuelle Leiblichkeit, mit uns gemein haben, sondern deren Lebendigkeit oder Seelenhaftigkeit dem Menschen zunächst nur in der Erfahrung möglicher Identifikation bewußt wird. Daß dem gegenstandsverhafteten Bewusstsein die nichtempirischen Lebewesen heute als „tot“ erscheinen, kommt daher, daß ihm Leben nur als Gegenbegriff zum Tod denkbar ist; und tatsächlich wird Leben durch Tod erst konturiert und zum Einzelleben. Doch die Konturen gehören zu ihm wie das Ufer zum Fluß. Wir sehen heute nicht nur den Wald vor Bäumen nicht, sondern auch den Fluß vor den schützenswerten Arten nicht. In der Antike wurde sein Wesen als Flußgott aufgefaßt. Seit den Neunziger Jahren habe ich vor allem daran gearbeitet zu verstehen, was damit gemeint ist.

Und was wäre das also?

Der Flußgott ist der Fluß als Wesen aufgefaßt, tier- oder menschengestaltig, weil uns dadurch das Wesenhafte deutlicher wird. Dem steht das Wissen nicht entgegen, daß es sich dabei um eine Vermenschlichung handelt.
Der antike Mensch fragt nicht: „Glaubst du an Flussgötter?“, sondern: „Bist du bereit, was du am Fluß siehst, als Ausdruck eines Göttlichen anzuerkennen?“ Statt „Hast du schon einmal einen Flussgott gesehen?“ muß es heißen: „Hast du Erfahrungen gemacht, die dich vom Sinn solcher Anerkennung überzeugt haben?“ Und statt „Gibt es Flußgötter wirklich?“ muß es heißen: „Gibt es Erfahrungen, die sich als Epiphanie eines Flußgottes sinnvoll begreifen lassen?“ Die Götter sind keine Wirklichkeit hinter der Welt. Sie sind auch kein Konstrukt. Es ist eine Einseitigkeit der neuzeitlichen Erkenntnistheorie, daß sie Wahrnehmungen und Begriffe streng scheidet und allein dem Begrifflichen die Kraft zur Zusammenfassung zuschreibt. Was sie dabei übergeht, sind die „Mitwahrnehmungen“. Das bedeutet, daß der Mensch beim Blick auf das Geschehen immer zugleich Grundprinzipien allen Geschehens in den Blick bekommt, freilich sie als solche meist nicht thematisiert.
Der Unterschied von antiker und moderner Wahrnehmung lässt sich vielleicht so fassen, dass die Mitwahrnehmung der Qualitäten, wie sie Goethe in der Farbenlehre als „sinnlich-sittliche Wirkung“ bezeichnet, früher stärker war. Ein bestimmter Landschaftseindruck etwa wurde als von derselben Anmutungsqualität wie z.B. gelb wahrgenommen, ohne daß deshalb die gelbe Farbe überwogen haben muß. Diese Anmutungsqualitäten, die gegenüber dem gegenständlich Wahrnehmbaren stärkere Beachtung fanden, sind nun bereits die Kristallisationskerne von Göttererscheinungen, denn die Götter sind „Archetypen, in denen das Denken fließt“. Darin liegt das Wesen der Erfahrungsreligion.
 
Und was verstehen Sie unter „Erfahrungsreligion“?
 
Erfahrungsreligionen sind alle primären Religionen sowohl von Stammesgesellschaften als auch die der Hochkulturen. Ihre Götter sind erfahrbare Mächte. Ihnen gegenüber bezeichnet man die Stifterreligionen auch als sekundäre Religionen und die synthetischen bzw. ihre Säkularisationsprodukte wie die Menschenrechtspseudoreligion als tertiäre.
Die erfahrungsreligiöse Haltung gegenüber Göttern ist, sie zu achten oder sie „gelten zu lassen“ (griech. nomizein). Das heißt, sie als Raum zu verstehen, sich in ihnen zu bewegen. Es ist eine Hybris zu meinen, jeder habe seinen eigenen Raum; der Glauben an einen menschenfreundlichen Gott ist davon nie weit entfernt. Natur ist im Naturrecht nicht Schutzobjekt, sondern „Geltungsgrund“, man könnte sagen, ein Objekt der Achtung, dem Ehre und Würde zukommt. In der Moderne wird das eine unverständliche Kategorie, genauso wie die Ehe als Nachvollzug der heiligen Hochzeit oder das Erbe als Existenz im Generationenstrom. Auch Würde ist ein Darinstehen. Ehre beruht auf der Leistung, die jemand in einem gegebenen Zusammenhang erbringt, der freilich kein rein funktionaler sein darf, sondern eine Übereinstimmung mit archetypischen Verhaltensmustern haben muß.  Der Prozeß der Zivilisation ist nicht nur einer der Ausweitung, sondern auch der Aufweichung und der Abkoppelung von Archetypen.
Das Gelten-Lassen ist auch umgekehrt das Verhältnis der Götter zu den Menschen. Sie handeln nicht aktiv, aber sie lassen zu, sie sind eher Bahnen oder Räume. Das Walten der Natur (bzw. der Naturgewalten) ist nicht aktiv. Ihr „Selbst“ ist kein Subjekt, sondern eher ein Kontext. So ist das „Es“ in dem Satz „Es regnet“ kein Subjekt, es sei denn von der Art wie die Götter in den alten Kulturen. Das „Es regnet“ ist die neutrale Formulierung von „Zeus regnet“.
Daraus ist der Ansatz meiner neueren philosophischen Bemühung entstanden, die ich Struktivitätsphilosophie nenne. Um Natur zu verstehen, müssen wir neben einem Wirken durch Tun (aktiv) auch ein Wirken durch Sein oder Raumgeben (struktiv) annehmen. Das Grundbeispiel ist wieder der Fluß: Das Wasser wirkt auf das Ufer aktiv. Wir sollten dabei nicht nur an die mechanische Wirkung denken, sondern auch z.B. an das Einhüllen der Ufer mit Rauschen, Plätschern, Glucksen. Das Ufer wirkt auf den Fluß zurück, aber weder aktiv noch passiv, sondern durch Sein, durch Substanz und Struktur.
Es geht also darum, ein nichtpassives Nichthandeln zu denken. Dabei ist vorausgesetzt, daß das Ufer in Polarität zum Fluß verstanden wird. Der technische Blick betrachtet das Ufer eher als zu fixierende Grenzfläche des Bodens oder als ein Stück Land (eben nicht aus der Polarität, sondern aus der Linearität heraus) und handelt mit dem Ergebnis, daß der Fluß, der kein Ufer mehr hat, sondern eine Betonwand, kein Fluß mehr ist, sondern ein Kanal.
Es liegt auch im Wesen erfahrungsreligiöser Naturanschauung, Flüsse, Berge oder Bäume als Rechtsräume zu sehen. Rechtsräume werden meist als Rechtssubjekte betrachtet, aber das Subjekt ist nur eine Sonderform von Räumlichkeit, bzw. die Seele ist eher ein Raum als eine Gestalt. Aber eine Anerkennung als Quasi-Subjekt kann ein erster Schritt sein; so sehe ich durchaus Sinn darin, Natureinheiten wie dem Fluß Rechte zuzusprechen, die freilich etwas ganz anderes sind als Individualrechte.
Am 15. März 2015 verabschiedete das neuseeländische Parlament ein Gesetz, das den Whanganui, den längsten schiffbaren Fluß des Landes, mit Rechten einer juristischen Person ausstattete. Bereits vor 140 Jahren hatten die dort lebenden Maori die Anerkennung des Flusses als „Person“ gefordert. Wenige Tage später gewährte das höchste Gericht des nordindischen Bundesstaates Uttarakhand dem Ganges und dessen Nebenfluß Yamuna den Status lebendiger und juristischer Personen. Vertreten werden sollen die Flüsse durch einen Repräsentanten der Maori und der britischen Krone, bzw. in Indien durch einen Ökologen, einen Regierungsvertreter und den Generalanwalt. Eine weitere Initiative wird aus Kolumbien gemeldet, wo das kolumbianische Amazonasgebiet als schützenswerte juristische Person anerkannt wurde. Und auch in Europa hat der Journalist und Aktivist für die Rechte bedrohter Völker Claus Biegert eine ähnliche Initiative angeregt.

Sie kommen also von der Philosophie auch heute noch immer wieder auf den aktiven Naturschutz zurück …

Ja, aber mir geht es um eine andere Art von Aktivismus als den des heutigen Umweltschutzes. Heute wäre auch die Renaturierung der Isar kaum noch durchsetzbar. Mittlerweile wird der letzte Bach verrohrt und der letzte Hügel für den Wahn des sogenannten Klimaschutzes mit Windkraftanlagen verspargelt.
Die Theorie der anthropogenen Klimakatastrophe ist das trojanische Pferd, mit dem Naturzerstörung im Namen des Allgemeininteresses wieder möglich wurde, nachdem das vorher humanitär gerechtfertigte Wirtschaftswachstum theoretisch und praktisch diskreditiert ist. Wichtig für die Durchsetzbarkeit der Klimatheorie war, dass sie auch Bildzeitungslesern vermittelbar war, weil sie einen einzigen Parameter als Sündenbock hatte und eine weitreichende Verschiebbarkeit der Schuldzuweisung aufgrund von politischen und wirtschaftlichen Interessen ermöglichte. Zwar sind gerade Akademiker Vertreter des Klimageredes, aber auch ihnen fehlt die nötige Sachkenntnis. Trotzdem reden sie überall mit, während den „einfachen Leuten“ meist nur ihr unmittelbares Interesse nahegeht. Sie sind dadurch allerdings ungefährlicher als engagierte Gutmenschen, die antimephistophelisch stets das Gute wollen und das Böse bewirken.
Die Natur ist nicht statisch.  Es wäre zwar unbegründet zu leugnen, daß es einen anthropogenen Anteil an ihr gibt, aber dieser nicht bestimmbar, weder quantitativ noch qualitativ. Die Klimaideologie ist allerdings nicht erst durch ihre Praxis, sondern schon in ihrer Theorie naturfeindlich und darum naturschutzfeindlich, denn Natur ist nicht Status quo (freilich auch nicht, wie die falsche Alternative meint, ständige Veränderung), sondern Selbstgestaltungskraft. Natur bedeutet Veränderlichkeit, aber gerade nicht Veränderbarkeit.
Klimaschutz ist – selbst, wenn er möglich wäre – nicht nur kein Naturschutz, sondern dessen Gegenteil. Klimatischer Wandel ist das Natürlichste von der Welt, Übervölkerung dagegen nicht, und es ist nicht die Aufgabe von Naturschützern, eine bestimmte Menschenzahl zu erhalten; dafür gibt es genug „humanitäre“ Lobbyisten. Die Menschheit hat schon ganz andere Klimaschwankungen überstanden, aber nicht mit der heutigen Bevölkerungsdichte; diese ist weder für ihr Überleben noch für ihr Kulturniveau nötig, und für alle anderen Arten von Lebewesen oder Landschaften ist diese Überbevölkerung viel schädlicher als jede denkbare Erwärmung, weil sie ihnen das Ausweichen verwehrt.
Es geht gar nicht darum, ob Erwärmung gut ist – was für Mitteleuropa sicher stimmt – oder schlecht, sei es für menschliche Kultur oder Artenvielfalt. Natur ist immer Wandel. Und die Natürlichkeit und Unausrottbarkeit der Schwankungen bedeutet, dass der Mensch mit seinen Projekten Sicherheitsabstände einhalten muß und nicht immer an den äußersten Grenzen des gerade noch Möglichen wirtschaften kann, weil er sich dann morgen schon jenseits dieser Grenzen bewegt. Genau dieses Ausschöpfen bis zum Letzen ist aber die Mentalität der Ökonomen und Berechenbarkeitsfanatiker.
Die Vorstellung, der Klimawandel sei anthropogen und lasse sich aufhalten, ist Teil der Selbstüberschätzung des westlichen Menschen und seines Unwillens anzuerkennen, dass er nicht Macher in kosmischen Dimensionen ist, dass er weder in der Liga der Schöpfungsmächte noch in der Liga der Eiszeiten und Sonnenaktivitätsphasen spielt. Der Philosoph Heinrich Rombach hat bereits 1994 darauf hingewiesen, dass die Vorstellung von anthropogener Klimaveränderung Teil der Hybris des Menschen ist, die die „ökologische Krise“ ausgelöst hat, und keineswegs ihr Heilmittel. Der heute durchschnittlich ungebildete Zeitgenosse glaubt, der Mensch sei der Klimafaktor Nummer eins – von den eiszeitlichen Schwankungen hat er keine Vorstellung –, und das ist für ihn plausibel, weil in seiner Welt menschliche Machwerke dominieren und alles andere eine Kränkung seiner Wichtigkeitsvorstellung wäre.
Niemand weiß, ob ein Rückgang der Sonnenaktivität (in der Zyklik der Eiszeitrhythmen) den CO-2-Effekt überwiegt, in ihm verschwindet oder ihn gerade ausgleicht. Das Vorhaben, die Erdtemperatur auf dem zufälligen Stand des Jahres 2000 zu stabilisieren, ist schlicht hybrid. Hier schlägt Bewahrung in Zementierung um, Wertkonservativismus in Strukturkonservativismus. Betonieren ist immer der Gegensatz von Fließenlassen. Ob das Betonieren dazu dienen soll, daß alles bleibt, wie es ist (Hochwasserschutz), oder dass alles anders läuft (Kraftwerksnutzung), ist sekundär; beides vernichtet den natürlichen Fluß und verlangt immer neue weitere Eingriffe, um das künstlich Geschaffene, das keine Selbsterhaltungskraft innerhalb bestimmter Extreme hat, zu stabilisieren. Das Klimastabilisierungsunternehmen gehört zu den Projekten, deren Zweck die Rechtfertigung des Systems der organisierten Unverantwortlichkeit – euphemistisch „Weltgemeinschaft“ genannt – mit idealistisch klingenden, aber unerfüllbaren Zielen ist. Wie die Utopie der durch weitere Steigerung zu erreichenden Angleichung des Lohn- und Konsumniveaus die laufende Ausbeutung von Billigarbeitern und die Erpressung der Wohlstandsgebiete ermöglicht, so dient die angebliche Klimaschutzpolitik der Fortsetzung der Naturzerstörungspolitik.
Das denkerische Problem ist wieder das schon genannte: Natur wird als Gegenüber statt als Rahmen mißverstanden (kausal statt struktiv). Die Theorien vom Klimawandel untersuchen nicht, ob Naturprozesse uns etwas zu sagen haben, sondern sie unterliegen der Vorstellung von einer gefährlichen menschenfeindlichen Natur, die technisch zu kontrollieren ist.  Die daraus folgende Praxis ist ein wilder Aktionismus, der überwiegend ganz andere (wirtschaftliche) Motive hat.
Die Schwankungen des Klimas innerhalb der nacheiszeitlichen Bandbreite – in einem größeren Zyklus auch mit den Eiszeiten – sind gerade Zeichen der Selbstregulation. Sie sind Rhythmus; wir behandeln sie stattdessen wie eine aus dem Takt geratene Maschine. Der Vergleich mit dem Fieber ist nicht völlig abwegig, wenn das Fieber auch als Selbstregulation begriffen wird.  Der Klimawandel unterliegt Abläufen, die wir zwar erkennen, aber nicht verstehen.
Es ist höchst plausibel, dass die „Klimakatastrophe“ gar keine Katastrophe, sondern ein Selbstheilungsversuch von Gaia ist, bei dem der Art Homo sapiens die Ruhe entzogen wird, die sie nach der letzten Eiszeit genutzt hat, um sich eine Herrschaft über die Erde anzumaßen. Nicht das Überleben des Menschen, der auch die Eiszeiten überstanden hat, ist gefährdet, sondern die mißbrauchte Sekurität. Gilt schon im Kleinen, daß nur die gemütliche und berechenbare Natur Europas zu dem abendländischen Aufschwung der Technik führen konnte, der mit der Globalisierung auch in Regionen exportiert wurde, in denen die Natur weniger tolerant gegenüber Eingriffen ist, so gilt auch im Großen: Solange die Erde sich in eiszeitlichen Maßen wandelte, war an Seßhaftwerdung und Ackerbau nicht zu denken, und die Entwicklung des Homo sapiens wurde zurückgehalten. Dem Verlust der politischen Dominanz Europas folgt der Verlust der Dominanz der europäischen Lebensform. Die europäische Technik stellt sich zunehmend als nicht universalisierbar – da für weniger ruhige Klimazonen als die mitteleuropäische „Wiesenlandschaft“ nicht geeignet – heraus. Mit ihr gilt dies auch für die neu-europäischen Werte, die sich nur in der Entexistenzialisierung des Lebens – so daß man es sich leisten kann, lauter Nichtsnutze durchzufüttern – halten lassen.
Der Klimawandel ist ein Selbstheilungsprozeß; er konfrontiert den Menschen der mitteleuropäisch zahmen Region mit stärkeren Schwankungen und zerstört die modische Ideologie einer kontrollierbaren Natur. Hinzu kommen weitere kleinere Segnungen: Er wirkt dem Wintersportwahn entgegen, verdrängt die Fichte aus den Ebenen, beschert warme schöne Sommer und regenreiche Winter und Frühjahre. Der Klimawandel vollzieht sich in einer Zeitdimension, die auf allmähliche Gewöhnung und nicht auf Gegenmaßnahmen angelegt ist. Er ist ebensowenig wie ein Hochwasser ein erhobener Zeigefinger Gottes, sondern ein Ausdruck des Weltzusammenhangs. Statt als Ausdruck der Natur betrachten wir Hochwasser oder Temperaturveränderung stets mit Bezug auf Nutzen und Schaden für unser bestehendes Tun und setzen dieses absolut. Wir wollen uns nichts sagen lassen. Der Homo faber kommt damit nicht zurecht, aber er wird es wieder lernen müssen.

Dr. Baal Müller

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Datum
06.07.2018

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