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Der unbeugsame Wasserrebell und sein Lebenswerk

Günther Würtz mit seiner 5-jährigen „Abwasser- Baumscheibe“ einer Weide (Durchmesser: 21 cm).

Der 80-jährige Günther Würtz aus der nordwestmecklenburgischen Kleinstadt Schönberg bewässert einen auf seinem Grundstück befindlichen kleinen Abwasser-Wald mit den auf dieser Liegenschaft anfallenden häuslichen Abwässern. Das hat zur Folge, daß diese Gehölze bis zu sechs Mal größere Jahresringe bilden als Bäume, die nur von Niederschlägen leben müssen bzw. vom Menschen nur mitbewässert werden. Diverse Ansichtsexemplare von Baumscheiben belegen, daß diese Methode der Abwassernutzung keinen Hokuspokus darstellt.

Seit nunmehr annähernd einem Vierteljahrhundert hat Günther Würtz sein Leben der Abwassernutzung durch Baumkulturen verschrieben und sagt: „Fruchtbarer Boden oder blutige Kriege: Da ist ein Zusammenhang“. 2002 erhielt er für sein Projekt eine Anerkennungsurkunde des mecklenburgischen Landtages. Doch unabhängig davon drohten ihm Ordnungsgelder und Zwangsvollstreckung in Höhe von mehreren tausend Euro durch die zuständige Kreisverwaltung. Ihm wurde durch die Vollstreckungsbehörde monatelang das Konto gepfändet (Stichwort: Anschluß- und Benutzungszwang). Nachdem die Presse mehrfach über den „Abwasser-Rebellen“ berichtete, sah die Behörde plötzlich und zwischenzeitlich unerwartet von weiteren Geldforderungen ab.

Diese Geschichte ist eine Leidensgeschichte. Behandelt wird Günther Würtz von den Behörden wie ein Umweltverbrecher, doch gebrochen wurde sein eiserner Wille nicht, er bleibt entschlossen, unnachgiebig. „Sonst würde ich mein Lebenswerk begraben“, sagt er. Dann fügt er hinzu: „Ich muß das alles ausbaden und durchfechten“.

Auf seinem Grund und Boden führten Feldversuche der Universität Rostock zu dem Ergebnis, daß sein Abwasser-Wald eine sehr gute Reinigungsleistung – sowohl die biologische als auch die chemische Sauerstoffgehaltuntersuchung wurden jeweils bestanden – zu verzeichnen habe (bei diesem Wurzelraumverfahren handelt es sich um ein flächenhaftes Verfahren, bei dem Boden und Pflanze als Systempartner wirken und durch diese Wechselbeziehung einen optimalen Säuberungsgrad des Abwassers erzielen können). Gespräche mit dem Landräten und dem früheren Umweltminister Wolfgang Methling haben an der diesbezüglichen behördlichen Meinung allerdings nichts Substantielles ändern können.

Was hat den liebenswerten Mann in der Sache so unbeugsam werden lassen? „Ich sehe es als meine Pflicht an, weil ich Hunger, Not und Tod schon als Kind kennengelernt habe“. Er mache es doch nicht für sich. Günther Würtz wuchs in der Zeit des Zweiten Weltkrieges und in der Nachkriegszeit auf. Hunger und Not sieht er heute im Fernsehen und sagt, Methoden zur Verbesserung des Bodens, wie er sie praktiziert, seien ein Mittel dagegen, weil sie, wie er betont, dazu beitragen und letztlich der Klimaerwärmung entgegenwirken würden. Daran denkt er auch, wenn er heute die Bilder von Menschen sieht, die ihr Leben riskieren, um aus Afrika nach Europa zu fliehen. Würtz sagt: „Sie würden in ihrer Heimat bleiben, wenn sie dort ihre Lebensgrundlagen hätten“. Einem hohen Ethos fühlt sich Günther Würtz verpflichtet. In der gesetzlichen Pflicht, das häusliche Abwasser der Abwasserbeseitigung zu überlassen, sieht er dagegen das gesetzliche Verbot zur Kreislaufwirtschaft und der Nachhaltigkeit. Es sei eine Kriegserklärung an die Natur. Günther Würtz versteht das wie eine Kriegserklärung an sich selbst. Den Freund von Natur und Umwelt empört der Gedanke, wie ein Umweltverbrecher behandelt zu werden. Doch bis heute hat er nicht klein beigegeben, das sieht er als seine moralische Pflicht an. Er weiß natürlich, daß sein „Freilandlabor“ nicht allen gesetzlichen Bestimmungen entspricht, erklärt aber: „Wenn man Gesetze nicht hinterfragen darf, dann sind wir kein Rechtsstaat. Den örtlichen Abwasserbeseitigungsverband träfe keine Schuld, Würtz betont: „Es ist die Politik“. Von ihr ist der naturverbundene Bürger aus Schönberg enttäuscht und geht nicht mehr zur Wahl, denn „keine Partei nimmt sich der Sache an“.

Warum hat dieser ökologisch Denkende gleich mehrere rund 2 x 2 Meter große Informationstafeln an seine Hausgiebelwand montiert? Günther Würtz antwortet: „Damit die Wahrheit zugänglich ist und damit Schlußfolgerungen gezogen werden“. Den Text, den seine Tafeln wiedergeben, schrieb der Chemiker und Universitätsprofessor Justus von Liebig bereits vor über 100 Jahren: „Der, welcher an dem Tische der Gesellschaft keinen Platz mehr findet, gibt sich nicht ohne Weiteres dem Verhungern hin; im Kleinen wird er zum Diebe und Mörder oder er wandert in Massen aus und wird zum Eroberer“. „Die Naturgesetze im Landbau“ lautet ein weiterer Text seiner Infotafeln. „Jedes Blatt der Weltgeschichte zeige schauderhafte Wirkung dieses furchtbaren Gesetzes in den Strömen von Blut, womit der Mensch die Erde tränken mußte, welche er nicht fruchtbar zu erhalten verstand“.

In seiner Art und Weise der Abwassernutzung sieht Günther Würtz Chancen, den Boden zu verbessern und sagt: „Auch Mecklenburg ist geeignet für eine solche Sache. Das Grundwasser werde nicht beschädigt, Bäumen bekomme die Abwassernutzung“. Wenn man dann noch die volkswirtschaftliche Ineffektivität von Ausgaben für die Zentralkläranlagentechnik mit in Betracht zöge (hohe Energiekosten bei großtechnischen Abwasserreinigungssystemen im Vergleich zu entsprechenden wartungsarmen biologischen Anlagen, welche keinen Energieeintrag erforderlich werden lassen), spräche vieles für dezentrale Entsorgungslösungen. Gehölze erleiden keinen Trockenstreß und wachsen gut – Weiden bis zu zehn Mal so schnell – erklärt Günther Würtz nach fast 25 Jahren Erfahrung. Aus dem Jahre 1986 existiert aus der DDR gar ein Konzept eines Rudolf Lützke, welches die großmaßstäbliche ganzjährige Abwasserverwertung und Abwasserreinigung in Pappelplantagen vorsah. Infolge des drei Jahre später folgenden „Mauerfalls“ wurde dieses Konzept im Osten bedauerlicherweise offensichtlich nicht mehr weiterverfolgt.

Der 80-Jährige glaubt an die Schöpfung und sagt: „Die Natur zu begreifen ist Gottes Willen nachzugehen“. Ein Zitat von Justus von Liebig auf seinen besagten Informationstafeln lautet: „Der allgütige Schöpfer hat die Vorschriften, welche der Mensch befolgen müsse, in einem großen Buch, welches die Natur ist, geschrieben, und er hat ihm in der Vernunft einen Teil von ihm selbst und durch sie die Fähigkeit verliehen, sein Buch zu lesen und seine göttliche Weltordnung zu begreifen, er hat damit den Menschen zum Herren seiner Geschicke gemacht und sein Gedeihen und Fortbestehen in seine Hand gelegt“. Beten alleine genüge nicht, sagt Günther Würtz, „man müsse auch etwas tun“ und vertritt die Ansicht, daß, wer nicht nach den lebenserhaltenen Naturgesetzen lebt, keine Ahnung von der Schöpfung hat. Für den Schönberger jedenfalls steht fest, daß er bis zu seinem Lebensende weitermachen wird.
Willi Wissen, Betriebswirt für ökologische Agrarwirtschaft

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Datum
19.09.2017

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