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Die Bayerischen Staatsforsten

waldZwischen Selbstfinanzierung und aktivem Naturschutz:

Die Bayerischen Staatsforsten

Neben den privaten Waldbesitzern werden die Wälder in Deutschland durch staatliche Behörden bewirtschaftet. Wir befragten Philipp Bahnmüller, den Pressesprecher der Bayerischen Staatsforsten zu deren Aufgabenbereichen, täglicher Arbeit und weiteren Themen rund um den Wald in Bayern.

U&A: Worin besteht die Hauptaufgabe der Bayerischen Staatsforste?

Philipp Bahnmüller: Das Unternehmen Bayerische Staatsforsten wurde als Anstalt des öffentlichen Rechts am 1. Juli 2005 gegründet. Unser Auftrag ist die nachhaltige Bewirtschaftung des bayerischen Staatswaldes. Siehe: http://www.baysf.de/de/ueber-uns.html

U&A: In den 1980er Jahren war aus der ökologischen Bewegung die Rede vom großen Waldsterben (saurer Regen usw.). Wie ist der Zustand der Wälder heute? Falls er sich in den letzten 30 Jahren positiv entwickelt hat: Waren die Warnungen damals unberechtigt oder zumindest übertrieben?

P.B. Ja und Nein. Ja, denn der Zustand der Wälder ist heute deutlich besser. Das prognostizierte Waldsterben ist also nicht eingetreten und der Umgang war sicherlich auch durch Hysterie geprägt (siehe dazu: http://www.stmelf.bayern.de/wald/waldschutz/waldzustand/006536/index.php).

Nein, denn die Waldsterbensdebatte hat dazu geführt, daß die Schadstoffbelastung der Wälder stark zurückgegangen ist, etwa durch die Verwendung von Filteranlagen in der Industrie und die Einführung des Katalysators bei Kraftfahrzeugen. Es hätte also durchaus zu einem Waldsterben größeren Ausmaßes kommen können, wenn es die Debatte nicht gegeben hätte.

U&A: Zum Waldschutz (wir sprachen bereits für die Junge Freiheit darüber) gehört Ihrer Ansicht nach auch die Jagd. Weil zu viel Wild zu viele junge Triebe verbeißen und eine Verjüngung der Baumbestände verhindern würde. Die Jagd wird in weiten Kreisen der Tierschutzbewegung als „Mord aus Spaß“ oder archaisch/überflüssig angesehen. Benötigt ein gesunder Wald wirklich das Jagdhandwerk oder ließen sich die Wälder anders schützen?

P.B. Ein natürlicher und gesunder Wald braucht angepaßte Wildbestände und diese lassen sich nur durch die Jagd einstellen. Alternativen dazu wären nur der verstärkte Einsatz von Zäunen oder von anderweitigem sehr aufwendigem Schutz vor Verbiß- und Schälschäden. Dies würde aber einer naturnahen Waldwirtschaft widersprechen, enorme Kosten verursachen, sich äußerst negativ auf das Landschaftsbild und den Erholungswert des Waldes auswirken und schließlich auch den Lebensraum des Wildes stark einengen.

Siehe auch: http://www.baysf.de/de/wald-bewirtschaften/jagd.html

U&A: Würde die Wiederansiedlung von natürlichen Freßfeinden die Jagd unnötig machen? Wo wir dabei sind: Wie stehen die Chancen für Wolf und Bär in Bayern?

P.B. Jagd ist notwendig, da das Schalenwild keine natürlichen Freßfeinde hat. Und auch eine Wiederansiedlung von Großprädatoren kann nur bedingt helfen, da die heutige Kulturlandschaft nur sehr begrenzt geeigneten Lebensraum für Bär, Wolf und Luchs bietet. Zudem kann es in dicht bewohnten Gebieten zu Widerstand in der Bevölkerung gegen die Wiederansiedlung kommen. Regional stehen daher die Chancen nicht schlecht, etwa für den Luchs im Bayerischen Wald oder dem Wolf in der Lausitz. Aber eine flächige Rückkehr ist aus heutiger Sicht nicht realistisch.

U&A: Es gibt eine wenig bekannte Bewegung „ökologischer Jäger“, organisiert in einem „Ökologischen Jagdverband“. Diese kritisieren, daß das heutige traditionelle Jagdverständnis noch auf den Vorstellungen von Reichsjägermeister Hermann Göring bzw. dem Reichsjagdgesetz von 1934 beruhe. Die „ökologischen Jäger“ kritisieren, daß Wildbestände gerade wegen der Jäger in die Höhe schössen und den Wald gefährden. Denn traditionelle Jäger würden durch Winterfütterung in die Natur eingreifen zu keinem anderen Zweck, als der Förderung ihres Hobbys. Die ökologischen Jäger fordern eine Abkehr von der Trophäenjagd, von einem Regime nach Gutsherrenart, ohne Töten als Hobby durch Hobbyjäger, ohne Rituale wie das Verblasen der Strecke, das der Wildfleischqualität schaden soll. Zeitgemäß wollen die „ökologischen Jäger“ die Jagd als modernes „Wildtier-Management“, den Jäger als „Servicemitarbeiter“ für den Wald. Dazu soll vor allem auf Effektivität gesetzt werden. Vielleicht eines Tages eine Jagd mit Schalldämpfer und bleifreier Munition. Mich befremdet das auf den ersten Blick. Was sagen Sie aus Sicht der Förster dazu, die ja gerade keine Privatjäger sind (und daher gegen Winterfütterungen usw. sind)?

P.B. Förster betrachten den Wald immer als gesamtes Ökosystem, von dem Wild ein Teil ist. So verstehen wir auch den im Waldgesetz für Bayern (Artikel 1 Abs. 2 BayWaldG) festgelegten Grundsatz „Wald vor Wild“. Die Jagd hat für die Bayerischen Staatsforsten daher vor allem eine dem Wald dienende Funktion, sie ist wichtiges Instrument der naturnahen Forstwirtschaft. Dabei gibt es bei der Herangehensweise sicherlich auch inhaltliche Überschneidungen mit dem Ökologischen Jagdverband, etwa den Verzicht auf die Trophäenjagd. Jedoch nicht ausschließlich. Wir sind daher darauf bedacht, mit beiden Jagdverbänden, also BJV und ÖJV, einen sachlichen und konstruktiven Dialog zu pflegen.

U&A: Zurück zum Wald. Was sind die ältesten Baumbestände, welche die Bayerischen Staatsforsten hüten und wie lange werden sie uns erhalten bleiben? Welche Funktion erfüllen sie für bestimmte Tierarten?

P.B. Der Naturschutz ist fest in unser Gesamtkonzept der naturnahen Waldbewirtschaftung eingebettet. Nur so können die Bayerischen Staatsforsten die Erhaltung bzw. die Verbesserung der natürlichen Lebensräume vor allem von Tier- und Pflanzenarten, die an den Wald gebunden sind, gewährleisten. Dies geschieht auch über den Schutz von alten und seltenen Waldbeständen, die ein wichtiges Bindeglied zwischen dem einstigen Urwald und dem heutigen Kulturwald sind. Diese Bestände klassifizieren wir in unserem Naturschutzkonzept als so genannte Klasse-1-Waldbestände, also die ökologisch wertvollsten Bestände. Mit die ältesten Bestände finden sich beispielsweise im Spessart, etwa im Naturwaldreservat „Eichhall“ mit Eichenbeständen, die 500 Jahre und älter sind.

Mehr dazu unter: http://www.baysf.de/de/wald-schuetzen/naturschutz.html

U&A: Laut Umfragen mögen die Deutschen ihre Natur gerne wild und unberührt (also so, wie wir sie kaum noch haben). Welche Möglichkeiten haben Naturfreunde in Bayerischen Wäldern? Wären „Urwälder“ überhaupt bewanderbar?

P.B. In Deutschland gibt es keine so genannten Urwälder mehr. Auch nicht in Bayern. Urwaldähnliche Zustände finden sich in Bayern jedoch in den Naturwaldreservaten (siehe: http://www.lwf.bayern.de/biodiversitaet/naturwaldreservate/index.php) oder den beiden Nationalparks in Bayern („Bayerischer Wald“ und „Berchtesgaden“). Diese sind auch bewanderbar.

U&A: Nach Tschernobyl 1986 soll es immer noch giftig sein, Pilze aus Bayerischen Wäldern zu sammeln und zu verzehren. Was ist an diesen Befürchtungen dran?

P.B. In den so genannten Fallout-Gebieten, etwa im Bayerischen Wald, kann es zur radioaktiven Belastung von Wild, vor allem von Wildschweinen kommen. In diesem Gebieten wird das Wildfleisch daher gemessen, bevor es in den Verkauf gebracht wird. Auch Pilze können in diesen Regionen belastet sein. Da jedoch oft nur geringe Mengen an Pilzen und diese auch zeitlich begrenzt verzehrt werden, ist das Gefahrenpotential wohl überschaubar. Mehr Informationen dazu erhalten Sie jedoch hier: http://www.lfu.bayern.de/strahlung/doc/faq_25_jahre_tschernobyl.pdf

U&A: Was ist derzeit die größte Bedrohung für unsere Wälder?

P.B. Ganz klar, der Klimawandel.

Alles dazu finden Sie auf unserer Website: http://www.baysf.de/de/wald-verstehen/waldumbau.html oder in der neusten Ausgabe unseres Magazin „Klimawald“: http://www.baysf.de/de/publikationen.html

U&A: In Zeiten knapper Kassen setzt die Öffentliche Hand auf Privatisierung: Post, Bahn, Schulen, Sicherheit; sogar Gefängnisse sollen privatisiert werden. Was bedeutet diese Aufgabenflucht des Staates für die Zukunft der Bayerischen Staatsforsten?

P.B. Wie und durch wen der Staatswald bewirtschaftet wird, entscheidet dessen Eigentümer, also der Freistaat Bayern. Das für die Gründung der Bayerischen Staatsforsten als Anstalt des öffentlichen Rechts verabschiedete Staatsforstengesetz sieht vor, daß die Bayerischen Staatsforsten den Staatswald „unter Beachtung der Grundsätze einer naturnahen Forstwirtschaft in vorbildlicher Weise“ zu bewirtschaften haben. Dazu gehört auch, daß die Bayerischen Staatsforsten „ihre Aufgaben und weiteren Geschäfte nach kaufmännischen Grundsätzen zu erfüllen“ haben (siehe Art. 3 „Aufgaben“).

Anders ausgedrückt, der Staatswald soll auch ökonomisch erfolgreich bewirtschaftet werden. Und darin sehen wir auch den Schlüssel für den Erhalt des Staatswaldes: Denn nur solange der Wald nicht auf Zuschüsse angewiesen ist, ist sein Fortbestand gesichert. Wollen wir diese ökologische Ressource wirklich langfristig erhalten, ist es unabdingbar, daß der Wald seine finanziellen Mittel sozusagen selbst verdient. Auch das ist Nachhaltigkeit.

U&A: Wir danken Ihnen für das interessante Gespräch.

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Datum
01.09.2014

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