Umwelt & Aktiv

Das Magazin für gesamtheitliches Denken

Das Magazin für ganzheitliches Denken

Umweltschutz, Tierschutz, Heimatschutz

Die Sensation – Das „vier Liter Flugzeug“ – Oder doch nicht?

ebike

Nicht immer geht es nur mit dem Fahrrad. Dann stellt sich die Frage: mit dem Auto, mit der Bahn oder doch lieber mit dem Flugzeug? So mancher wählt sein Verkehrsmittel nicht ausschließlich nach den Maßgaben der Bequemlichkeit aus, sondern macht sich ebenso viele Gedanken zur „Umweltverträglichkeit“ seines Reisegefährtes.

Auch in der Wirtschaft ist diese Botschaft angekommen und wird geschickt in Marketingkonzepten aufgegriffen, um den Verbraucher ein möglichst gutes Gefühl beim Kauf oder bei der Nutzung des eigenen Produkts oder der eigenen Dienstleistung zu geben. Auch, oder sagen wir besser besonders, in der Verkehrsindustrie ist der Umweltaspekt in den letzten Jahren vermeintlich stark in den Vordergrund getreten.

Die vier-Liter-Flieger

 Zuletzt sorgte die Luftfahrtindustrie für Aufsehen, mit der Ankündigung unter der Kampagne „Wir sind die vier-Liter-Flieger“,  sich ab Februar 2013 mit eigenem Informationsmaterial an die Passagiere an deutschen Flughäfen zu wenden. „Wir wollen, dass alle Passagiere den niedrigen Treibstoffverbrauch unserer Flugzeuge kennen“, betont Klaus-Peter Siegloch, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL).

Zentrale Aussage dieser Werbemaßnahme „Auf 100 km verbraucht die deutsche Luftfahrt durchschnittlich weniger als 4 Liter Treibstoff pro Passagier.*“ Das obligatorische Sternchen * darf hier natürlich nicht fehlen. Denn wie immer, liegt die Krux im Detail.

Die Berechnungsgrundlage ist relativ simple: Von allen an der Studie teilnehmenden deutschen Fluggesellschaften, werden die im Jahr 2011 für alle In- und Auslandsflüge zurückgelegten Flugkilometer addiert. Das Ergebnis sind 287.599.174.618 Passagierkilometer (Pkm). Ein Passagierkilometer bedeutet, dass ein Passagier einen Kilometer weit transportiert wurde. Fliegen zum Beispiel 100 Passagiere in einem Flugzeug 1.500 Kilometer weit, werden 150.000 Pkm zurückgelegt. Dagegen steht das verbrauchte Kerosin aller Flüge von 11.274.530.268 Liter. Einfach gerechnet ergibt sich dadurch ein Verbrauch von 3,92 Liter Treibstoff pro 100 Pkm.

Das es dabei erhebliche Unterschiede zwischen den Fluggesellschaften, In- und Auslandsflügen, sowie Kurz-, Mittel- und Langstrecken gibt, wird von den Initiatoren selbst angemerkt. Auch die Tatsache, dass Touristikflüge, wegen Ihrer höheren Passagieranzahl, einen niedrigeren Verbrauch haben als Linienflüge, wird genannt.

Das Flugzeug als umweltschonendstes Verkehrsmittel?

Selbst die Initiatoren der Werbekampagne gehen nicht so weit, als dass sie beim Flugzeug vom umweltschonendsten Verkehrsmittel überhaupt sprechen. Es wird daher auf den unbestimmten Ausdruck „sehr energieeffizient“ in der Beschreibung des Flugzeuges als Verkehrsmittel zurückgegriffen. Fakt ist, und das soll an dieser Stelle durchaus positiv angemerkt werden, der Energieverbrauch der deutschen Flugzeuge hat sich seit den 90er Jahren um mehr als 30 Prozent reduziert. Sicherlich ist hier der stetig steigende Kerosinpreis durchaus auch ein Motivator für die Fluggesellschaften. Dagegen ist der totale Verbrauch an Kerosin wegen des Anstiegs des weltweiten Flugverkehrs weiter gestiegen.

Doch  zurück zu unserem Thema. Wir wollen die aufgestellte These im Vergleich zum PKW überprüfen. Der erste entscheidende Vergleichswert ist der Verbrauch pro Passagier auf 100 km. Hier wird bereits der erste Fehler in der Vergleichsrechnung gemacht: Während bei einer PKW-Überlandreise von einer Auslastung von nur einer Person pro PKW ausgegangen wird, geht die Berechnung des Treibstoffverbrauchs von einer Vollbesetzung des Flugzeuges aus. Tatsächlich liegt die statistische Auslastung eines PKWs auf einer Langstreckenfahrt bei 1,4 Personen, während zum Beispiel die Lufthansa im Schnitt eine Jahresauslastung von 75 Prozent angibt. Alleine dadurch erhöht sich der durchschnittliche Verbrauch pro Flugpassagier um ein Drittel auf mindestens 5,23 Liter Kraftstoff pro 100 Kilometer Fahrleistung.

Stärkere Auswirkungen in höheren Luftschichten

Ein weiteres Kriterium ist die Flughöhe. Nicht nur Kohlendioxid schadet unserm Klima. Die Verbrennung von Kerosin erzeugt neben Kohlendioxid (CO2) auch noch Wasserdampf (H2O), Stickoxide (NOx), Kohlenwasserstoffe (CxHy) und Ruß, auf die die Atmosphäre in den höheren Luftschichten empfindlicher reagiert, als in tieferen Luftschichten. Ein Zeichen von hoher Flughöhe sind zum Beispiel die weithin sichtbaren Kondensstreifen am Himmel, die nach aktuellem Forschungsstand, das regionale Klima durchaus beeinflussen. Umweltschutzorganisationen messen diesem Umstand eine so hohe Bedeutung bei, dass Sie „unter Einbezug aller Emissionen und der Flughöhe“ einen Verbrauch von „12 bis 42 Liter“ pro 100 Passagierkilometer angeben. Ein wissenschaftlicher Nachweis für diese Angaben fehlt allerdings bisher.

Der Vergleich mit einem PKW ist schon deshalb rein theoretisch, weil die Verbrauchswerte und Umweltauswirkungen bei einem PKW deutlich einfacher zu ermitteln und zu bewerten sind, als bei einem Flugzeug. Auch die Art des Treibstoffes führt zu einem gravierenden Unterschied. Während die Bahn auf Strom zurückgreift, fährt ein PKW mit Benzin- oder Dieseltreibstoff, so braucht ein Flugzeug eben Kerosin. Kerosin wird wie alle modernen Kraftstoffe aus Öl gewonnen. Aus einer Tonne Öl können 100 bis 150 Liter Kerosin (für den zivilen Luftverkehr) gewonnen werden. Aus einem Barrel Rohöl (159 Liter) kann man mit rund 40L Benzin und 35L Diesel rechnen. Umgerechnet auf eine Tonne Rohöl bedeutet das ca. 250 Liter Benzin und 220 Liter Diesel. In der Produktion sind damit Benzin und Diesel ca. 3.5 Mal so ergiebig wie Kerosin. Schon dadurch ist sicher, dass es sich beim Flugzeug nicht um das „umweltschonendste“ Verkehrsmittel handelt. Wie genau sich allerdings das Verhältnis zu PKW und Bahn verhält ist mit letzter Sicherheit nur schwer feststellbar.

Sicher ist aber, dass es sich bei dem „vier Liter Flugzeug“ um eine gut platzierte Marketingbotschaft handelt, die einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhält.

Verwandte Artikel:


Artikel-Metadaten

Datum
10.12.2014

Kategorie



Kommentare sind nicht mehr zugelassen.