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Einer, der auszog… Als Öko-Pionier in Brasilien

wolfgang-bendelIm Gespräch mit Wolfgang Bendel

Einer, der auszog…

Als Öko-Pionier in Brasilien

Als ein eher exotisches Beispiel für ökologische Landwirtschaft, stellen wir heute den deutsch-brasilianischen Fazendeiro Wolfgang Bendel vor. Nach Jahren langer Wanderschaft vor allem in Lateinamerika, hat unser Gesprächspartner in Brasilien seine zweite Heimat gefunden – Bayern bleibt die erste. Bendels „alter“ Mitstreiter, der Publizist Dominik Schwarzenberger, stellte für uns die Fragen.

Dominik Schwarzenberger:Warum hast Du Deutschland verlassen? Weshalb hast Du Dich gerade für Brasilien und die rückständige Bahia entschieden?

Wolfgang Bendel: Mein Leben lang interessierte ich mich für den lateinamerikanischen Kontinent, den ich auch ausführlich bereiste. Daß ich schließlich im brasilianischen Bundesstaat Bahia hängen blieb, hat letztlich mit meiner Frau zu tun, die ich dort kennenlernte. Deutschland verließ ich nicht zuletzt deshalb, weil dort das geistige Klima für politische Dissidenten immer unerträglicher wird und ich das Gefühl bekommen hatte, mir würde langsam aber sicher die Luft zum Atmen und zum selbstbestimmten Leben abgedreht werden. Diese Entwicklung der letzten Jahre ließ in mir den Entschluß reifen, ein zweites Standbein in Brasilien aufzubauen.

D.S.Seit wann gibt es die Fazenda überhaupt? Gibt es eine Familientradition?

W.B. Die Fazenda existiert seit Ende der 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Meine Frau Izabel stammt aus einer Familie von Fazendeiros. Ihre Tradition ist so alt, daß ihr keine Vorfahren bekannt sind, die nicht im Bereich der Landwirtschaft gearbeitet hätten. Einige ihrer Geschwister arbeiten nach wie vor im Gebiet der Nahrungsmittelerzeugung, hauptsächlich in der Viehzucht. Ich bin erst seit 2010 regelmäßig auf der Fazenda.

D.S.Wie dürfen wir uns Eure Fazenda vorstellen? Erzähl´ uns bitte etwas über Größe, Struktur und Bewohner.

W.B. Die Fazenda liegt innerhalb der Reste des ehemaligen Küstenurwalds (der mata atlântica) im minicipio (Landkreis) Guaratinga an der Grenze zwischen den Bundesstaaten Bahia und Minas Gerais und besteht aus zwei Teilen: Einem größeren Teil, in dem nach ökologischen Methoden in der Hauptsache Kakao angebaut wird und einem kleineren Teil, der ein privates Naturschutzgebiet umfaßt. Dieses Bioreservat wird in Brasilien unter der Bezeichnung „Reserva Particular do Patrimônio Natural“ (PrivatreservatNaturerbe) geführt und ist – übrigens als erste Einrichtung dieser Art im Bundesstaat Bahia – seit 2009 offiziell registriert (1). Im Bereich der RPPN wird nichts verändert.

Bemerkenswert ist weiterhin, daß sowohl auf der bebauten als auch auf der unbebauten Fläche sich Restbestände des vom Aussterben bedrohten Rio-Palisanders befinden. Dieser in Brasilien unter dem Namen jacaranda-da-bahia (Dalbergia nigra) bekannte Baum, der auch in Europa viel als Edelholz verarbeitet wurde, ist vom brasilianischen Umweltministerium (2) und vom Washingtoner Artenschutzabkommen CITES auf die Liste der bedrohten Arten gesetzt worden. Wir bezeichnen daher unsere Fazenda auch gerne als „Kindergarten des Rio-Palisander“.

Die Plantage ist bis auf die dort lebenden Arbeiter (in der Regel eine Familie) nicht ständig bewohnt.

D.S.Was baut Ihr an? Weshalb gerade diese Sorten?

W.B. Wie schon erwähnt bauen wir vor allem Kakao an. Um den Kakaopflanzen den nötigen Schatten zu geben, wachsen auf der Fazenda auch Bananenstauden, Großblütiger Kakao (cupuaçu) und Jackfrüchte (jaca). Zur Eigenversorgung werden auch Mais, Schwarze Bohnen (feijão) und Maniok angebaut.

D.S.Was treibt Euch an, den ökologischen Weg zu gehen? Was macht das Ökologische aus? Nur bestimmte Anbauweise oder auch soziale Standards im Umgang mit Mitarbeitern, Kunden und Zulieferern?

W.B. Wir produzieren auf eine ökologische, in Brasilien „Cabruca“ genannte Methode, die auch unter dem Begriff „Schokoladenregenwälder“ bekannt ist, weil sie nachhaltig und umweltschonend ist. Es gibt sogar ein eigenes Institut Cabruca, das diese Produktionsweise fördert. Der Ertrag wird zwischen den Besitzern der Plantage und den Arbeitern geteilt, so daß das Auskommen der in der Plantage ansässigen Familie gesichert ist. Dieser wird auch ein menschenwürdiges Wohnhaus zur Verfügung gestellt.

Natürlich ist es unser Ziel, gesunde Produkte herzustellen, die ohne die sonst üblichen Pflanzenschutzmittel auskommen. Es geht uns nicht nur um den Schutz der Umwelt, sondern auch um das menschliche Wohlbefinden.

D.S.Mit welchen Hindernissen habt Ihr zu kämpfen?

W.B. Lange Zeit war das größte Problem ein Pilz, der unter dem Namen Hexenbesen (vassoura da bruxa) bekannt ist und enorme Schäden verursachte. Inzwischen wurden Methoden entwickelt, die eine bessere Resistenz der Kakaopflanzen gegenüber diesem Schädling ermöglichen. Eine Ausrottung ist bislang noch nicht gelungen. Ein anderes Problem ist die Konkurrenz aus Westafrika, vor allem aus der Elfenbeinküste, die einen weltweiten Rückgang der Kakaopreise zur Folge hatte. Schließlich bedrohen nahegelegene Rinderfarmer die Existenz der Fazenda, da diese ständig auf der Suche nach neuem Weideland ihre Rinder auf unsere Plantage treiben und dabei sowohl den Primärwald der Schutzzone als auch die Kakaopflanzen selber bedrohen. Effektiver rechtlicher oder staatlicher Schutz steht in diesen Weltgegenden zumeist nur auf dem Papier.

D.S.Bekommen Eure Produkte das Fairtrade-Siegel? Wer ist der Hauptabnehmer (Inland, Ausland)? 

W.B. Da wir ein kleiner Betrieb sind und aufgrund der schon erwähnten Probleme momentan ohne Gewinn arbeiten (die Fazenda trägt sich lediglich selbst), sind wir nicht in der Lage, uns einer internationalen Vertriebsorganisation anzuschließen. Wohin der Zwischenhändler unsere Produkte weiterverkauft, ist uns nicht bekannt. Es ist aber davon auszugehen, daß er einen Großteil seiner Ware ins europäische oder nordamerikanische Ausland vertreibt.

D.S.Wie werdet Ihr in Eurer Region wahrgenommen?

W.B. Die Präfektur unseres municípios (entspricht in etwa einem deutschen Landkreis) unterstützt uns, soweit es ihre sehr beschränkten Möglichkeiten zulassen. Sie stellte Hinweisschilder auf, die auf unsere Ökofazenda hinweisen und steht unseren Versuchen, den Rio-Palisander zu bewahren, wohlwollend gegenüber. Die Bevölkerung ist dagegen an Themen, die Umwelt- und Artenschutz betreffen, kaum interessiert, was natürlich auch die Möglichkeiten der Präfektur reduziert, uns durchgreifend zu unterstützen. Eine intensivere Unterstützung unserer Fazenda z.B. durch den Ausbau der sich in einem verheerenden Zustand befindenden Zugangs“straße“ würde die Bevölkerung nicht mittragen.

D.S.Wie steht es generell mit dem Umweltbewußtsein in Brasilien? Das Land ist für biologische Landwirtschaft doch nicht bekannt, oder? Dennoch finden sich ökologische Forderungen zunehmend in zahlreichen Parteiprogrammen aller Couleur.

W.B. Konnte man früher sagen, daß Umweltschutz für die Brasilianer ein absolutes Fremdwort war, so kann man feststellen, daß hier langsam ein Umdenken beginnt, das von den großen Städten und den entwickelteren Südstaaten ausgeht. Das ist auch der Grund, warum in den Parteiprogrammen ökologische Forderungen nicht mehr fehlen dürfen. Das schon erwähnte System der RPPN findet erstaunlich weite Verbreitung und trug dazu bei, daß vor allem im Gebiet des einstmaligen Küstenurwaldes die Umweltzerstörung stark rückläufig ist. Auch im Amazonasgebiet gehen die Rodungen tendenziell zurück, vor allem im Bundesstaat Amazônia selbst. Was biologische Landwirtschaft betrifft, so gibt es hier vor allem in den Südstaaten Rio Grande do Sul, Santa Catarina, Paraná und São Paulo Fortschritte, die auch über die Massenmedien kommuniziert werden. Dem stehen allerdings weiterhin Neurodungen gegenüber, die vor allem Platz für Sojabohnen und Pflanzen zur Gewinnung von Biotreibstoffen schaffen sollen.

D.S.Was kannst Du uns über akute Ökologieprobleme in Brasilien sagen? In Europa hört man allenfalls über die Rodung des Regenwaldes.

W.B. Ein schockierendes Erlebnis war für mich ein Besuch des Bundesstaates Pará. Dieser zweitgrößte Gliedstaat umfaßt über 1,2 Millionen qkm. In wenigen Jahrzehnten „gelang“ es, einen Großteil dieses im Einzugsbereich des Amazonas und seiner großen Nebenflüsse gelegenen Gebietes weitgehend abzuholzen und damit zu zerstören. Wo früher ein nur durch Flüsse unterbrochener Primärwald existierte, ist heute eine Trockensteppe anzutreffen, auf der nur noch extensive Viehwirtschaft möglich ist. Vor allem der Südosten ist davon betroffen und damit eine Fläche von der Größe der BRD. Im trockenen Sommer wird die nackte, rote Erde bei jedem Windstoß in die Luft geblasen und es entsteht ein rötlicher Nebel aus kleinsten Staubteilchen, der die ganze Landschaft in ein unwirkliches Licht taucht; Erinnerungen an Endzeitfilme werden wach. Bei einem tropischen Großreich, das Brasilien ist, sind in Zeiten wie den heutigen die Umweltprobleme und –zerstörungen so ausgeprägt und vielfältig, daß ein Interview wie dieses nicht ausreicht, um sich die Dimensionen klar zu machen.

D.S.Brasiliens Ureinwohner werden hierzulande als „Edle Wilde“ wahrgenommen, die im „Einklang mit der Natur“ leben. Wie siehst Du  diese romantische Vorstellung?

W.B. Vor der Eroberung und Erschließung Brasiliens erst durch Portugiesen, Franzosen und Holländer und dann durch die Bandeirantes aus São Paulo und Minas Gerais lebten die Indianer insofern im „Einklang mit der Natur“, als ihnen die technischen Möglichkeiten und auch der Wille fehlte, die Natur zu beherrschen. Das Leben der Indianer war auch vor dem Vordringen der Europäer kein Zuckerschlecken. Hitze, weiträumige, häufige Überschwemmungen, räuberische und giftige Tiere, Parasiten, Insekten, dazu permanenter Nahrungsmangel und ständige Kleinkriege zwischen den frei umherschweifenden, halbnomadisch lebenden Sippenverbänden ließen wenig Zeit übrig, um sich im Paradies zu wähnen. Schon damals war es nur eine romantische Vorstellung, die Vorstellung vom „Edlen Wilden“.

D.S.Wie sieht die Situation der Indianer denn heute aus?

W.B. Heute sind bis auf ganz wenige Stämme im zentralen Amazonasgebiet alle Indianer „zivilisiert“. Das bedeutet, daß sie ihre Kultur, ihre Sprache und auch ihre Götter verloren haben und häufig mit Schwarzen vermischt – reinrassige Ureinwohner gibt es immer seltener – in ihren Reservaten ein armseliges bis vergessenes Dasein fristen. Ihre treuesten Begleiter sind heute nicht Bogen, Pfeil und Wurfkeule, sondern die Schnapsflasche. Inzwischen versucht die brasilianische Regierung mit Unterstützung sogenannter Nichtregierungsorganisation (englisch abgekürzt NGO) das Leben der Indianer zu verbessern, indem ihnen Sonderrechte zugestanden werden. Dazu gehört, daß ihnen große Ländereien zugesprochen werden, die den dort wirtschaftenden Mittelbauern weggenommen wurden, die medizinische Versorgung verbessert wird und sie zusammen mit den Schwarzen bei der Vergabe von Studienplätzen oder Posten in der staatlichen Verwaltung privilegiert werden. Aber all das ändert nichts daran, daß ihre Identität nachhaltig zerstört wurde, was schon daran erkennbar ist, daß praktisch alle Jungen ihre angestammten Sprachen vergessen oder nie gekonnt haben. Da viele Indianer weder willens noch fähig sind, die ihnen neu zugeteilten Gebiete ertragreich zu bewirtschaften, übernehmen bald die Vertreter der erwähnten NGOs die De-Facto-Kontrolle über das zuvor enteignete Land. So schafft man letztlich neue Ungerechtigkeiten, ohne daß dabei den Indigenen wirklich geholfen wird. Oder wie es der kolumbianische Aphoristiker Dávila in einem vergleichbaren Zusammenhang ausdrückte: „Mit La Casas ging in Lateinamerika die Linke an Land und es geschah beispielhaft, was bei der Linken immer geschieht: Man versklavte die Neger, ohne die Indianer zu befreien.“

D.S.Wie und wo seht Ihr Eure Zukunft?

W.B. In absehbarer Zeit werden wir wohl zwischen Deutschland und Brasilien hin- und herpendeln. Wo sich unser Alterssitz befinden wird, das haben wir noch nicht entschieden. Dies wird sicherlich nicht nur von wirtschaftlichen, sondern auch von gesellschaftspolitischen Faktoren abhängen. In einer Diktatur werden wir jedenfalls unseren Lebensabend nicht verbringen wollen.

Umwelt & Aktiv dankt Herrn Bendel und Herrn Schwarzenberger für den interessanten Einblick in die brasilianische Öko-Landwirtschaft.

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Datum
01.09.2014

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