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fuhrhopIm Gespräch mit Daniel Fuhrhop

Mit seinem Buch „Verbietet das Bauen!“ hat Daniel Fuhrhop ein Problem aufgegriffen, das in den letzten Jahren nicht viele Ökologen auf dem Schirm gehabt haben dürften. Bauen? Darüber spricht man nur, wenn es um zu wenig Wohnungen und zu hohe Mieten geht. Es gibt keinen guten Grund, sich mit dem Thema nicht zu befassen. Denn wir alle wohnen und wir alle wollen gut wohnen. Dazu muß es aber nicht immer die Millionen-Euro-Villa und das City-Penthouse sein, wie Fuhrhop anschaulich erklärt. Knapp vor Redaktionsschluß dieser Ausgabe konnten wir Herrn Fuhrhop noch für ein kurzes Gespräch über sein Buch und seine Ideen gewinnen.   

 

Umwelt & Aktiv: Herr Fuhrhop, Bundesbauministerin Barbara Hendricks (SPD) fordert mehr preiswertes Bauen für den sozialen und freien Wohnungsbau in den nächsten Jahren. Aber auch Verdichtung sei ein Ziel, Geschoßaufstockung usw. Haben Sie Ihr Buch an die Bundesregierung geschickt oder nicht?

Daniel Fuhrhop: Es würde mich freuen, wenn engagierte Leser das Buch an die Bauministerin schicken, an den Finanzminister, an die Landesregierungen und an all die Stadträte, die nach wie vor Landschaft zersiedeln und unter dem verharmlosenden Begriff „Verdichtung“ Freiflächen in den Städten zubauen.

 

Umwelt & Aktiv: Im Ernst, Deutschland schrumpft mit jährlich einer Million Flüchtlingen im Moment nicht so sehr, wie Sie es bei Abfassen Ihres Buches noch sehen konnten. Wir sollen und können wirklich für jeden ein Dach über den Kopf bekommen, ohne Neubau?

Daniel Fuhrhop: Einfach ist das nicht, aber darum gibt es in dem Buch eine Liste mit „50 Werkzeugen, die Neubau überflüssig machen“. Das reicht von Leerstandsmanagement über Umzugshilfen bis zu Beispielen anderer Wohnformen und Mitteln gegen regionale Ungleichheit. Viele dieser Werkzeuge sind seit Jahren in manchen Orten erprobt und müßten endlich bundesweit umgesetzt werden.

 

Umwelt & Aktiv: Gut finde ich Ihre Ideen, z.B. Wohnräume einfach nach Bedarf zu verkleinern oder zu vergrößern (Stichwort Kinderzimmer durch Raumsonde in Wohnung der Rentnerin gelegt, den Raum nicht benötigt). Gerade hier fiel mir aber ein, daß es doch praktisch viele Hürden gibt: Baurecht, Zustimmung vom Vermieter oder mehreren Eigentümern. Sind Ihnen weitere Probleme oder einvernehmliche Lösungen dieser Art bekannt?

Daniel Fuhrhop: In dem geschilderten Beispiel handelt es sich um die Großmutter, die direkt unter den Eltern und Kindern lebt, also wurden sich alle einig, die Räume anders aufzuteilen. Es gibt aber auch das historische Beispiel der Internationalen Bauausstellung IBA 1987 in Berlin, bei der es ebenfalls gelang, trotz rechtlicher Hürden Wohnungen zusammenzulegen oder umzubauen.

 

Umwelt & Aktiv: Die Zahlen in Ihrem Buch sprechen für sich. Ich kaufe Ihnen das ab, daß Neubau im Endeffekt teurer ist, als Leerstandsbeseitigung, Sanierung usw. Ich kaufe Ihnen auch ab, daß die Klimabilanz des Öko-Hauses im Grünen am Ende des Tages hinter der Bilanz des Innenstadtwohnungsmieters zurückbleibt, der mit Rad zur Arbeit und zu Fuß zum Einkaufen kommt. Aber wie wollen Sie das den Menschen klarmachen? Es möchte nun einmal nicht jeder in der Innenstadt wohnen. Es möchte nicht jeder Arzt oder Anwalt das Haus mit Sozialhilfeempfängern teilen und umgekehrt, was immer da auch für Vorurteile oder tatsächliche Lebenswelten aufeinanderprallen. Das ist genauso unrealistisch durchzusetzen wie weniger Fleischverzehr für alle und ähnliches. Sind Ihre Ideen also realistisch?

Daniel Fuhrhop: Niemandem soll etwas vorgeschrieben werden, auch wenn man das beim Buchtitel vermuten mag, dessen provokante Überspitzung ich lächelnd zu tolerieren bitte. Bei allen Vorschlägen und Beispielen geht es mir darum zu zeigen, wie vielfältig die Möglichkeiten sind, unsere vorhandenen Wohnungen und Häuser anders und besser zu nutzen, die im Stadtzentrum ebenso wie die am Stadtrand – und ich bin davon überzeugt, daß zwar nicht jede Idee etwas für jeden ist, daß aber für viele genau das dabei ist, was sie sich selbst für ihr Wohnen wünschen.

 

Umwelt & Aktiv: Sie machen viele Lesereisen für Ihr Buch. Wie reagiert denn das Publikum? Wer kommt? Doch wieder nur der gut situierte Bildungsbürger, der nach dem Vortrag zurück zu seinem Haus ins Grüne fährt…

Daniel Fuhrhop: Zu meiner Überraschung kommen sehr verschiedene Menschen, was teilweise auch an den vielfältigen Veranstaltern liegt: mal sind es Architekten, andernorts die Immobilienbranche, dann wieder Umweltverbände oder Bürgerinitiativen. Es kommen Junge und Alte, Linke und Konservative. Offenbar gibt es über viele Grenzen hinweg Bürger, denen lebenswerte Städte am Herzen liegen.

 

Umwelt & Aktiv: Da Ihr Buch von mir ohnehin an anderer Stelle gelobt wird: Wer, dessen Stimme Gewicht haben könnte, kritisiert Sie? Warum?

Daniel Fuhrhop: Manche Architekten kritisieren, daß ein Bauverbot egoistisch von denjenigen wäre, die bereits gut wohnen. Dabei übersehen sie, daß Neubau und selbst der soziale Wohnungsbau noch nie dazu geführt haben, daß günstige Wohnungen entstanden, denn am günstigsten sind alte Häuser.

Umwelt & Aktiv: Sie machen die Bauindustrie als einen Urheber des Bauwahns, ja einer Baupropaganda aus. Diese Industrie würde aber auch von Sanierung, Umbau, Ausbau profitieren. Warum sperren sich diese Kreise trotzdem, Neubaugegner zu werden? Gilt auch für Architekten u.ä.

Daniel Fuhrhop: Meinem Eindruck nach sperrt sich keine Branche komplett, sondern das betrifft nur Einzelne und oft die Lobby-Vertreter. Es gibt sowohl unter Architekten als auch in der Bau- und Immobilienwirtschaft offene Ohren für die Argumente und mehr Bereitschaft zum Umdenken, als die eigenen Berufsverbände meinen.

 

Umwelt & Aktiv: Werden wir Ihre Ideen demnächst in politischen Parteiprogrammen wiederfinden?

Daniel Fuhrhop: Tatsächlich hat mich vor kurzem die Bundestagsfraktion von Bündnis90/Die Grünen eingeladen und ich sprach über die „50 Werkzeuge, die Neubau überflüssig machen“. Einladungen anderer Parteien werde ich gern nachkommen.

 

Umwelt & Aktiv: Ich danke Ihnen für das Gespräch, Herr Fuhrhop!

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Datum
18.04.2016

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