Umwelt & Aktiv

Das Magazin für gesamtheitliches Denken

Das Magazin für ganzheitliches Denken

Umweltschutz, Tierschutz, Heimatschutz

Leben wie in der Steinzeit

Im Gespräch mit Kiliii Yuyan

Kiliii Yüyan wurde in Maryland (USA) geboren und lebt nun in Seattle (USA). Er ist als indigener Fotograf weltweit bekannt, mehrfach ausgezeichnet und hat es sich auf die Fahnen geschrieben, das ursprüngliche Leben, alte Kulturen und Naturgeschichte bildlich festzuhalten. Er selbst gehört dem Volk der Nanai an. Seine Dokumentationen reichen von den Iñupiat- Walfängern in der Arktis, über das Leben und Jagdverhalten der Aboriginals in Australien, bis hin zu den Rentierzüchtern (Sami) in Finnland. Yüyan beteiligt sich darüber hinaus an zahlreichen Wildnis-Expeditionen und gilt als Experte für den traditionellen Kayak-Bau.

Sehr geehrter Herr Yüyan, Sie sind Teil des «Stone Age Living Projects» (Anm. d. Red. «Leben wie in der Steinzeit»-Projekts»). Dieses Projekt wurde durch Lynx Vilden, einer ehemaligen britischen Punk-Rockerin, gegründet, um ein Leben wie zur Steinzeit zu führen. Können Sie uns bitte etwas zu ihrem eigenen Hintergrund und Ihrer Motivation, bei diesem Projekt mitzumachen, sagen?

Als indigene Person, die in den USA weit weg von ihrer angestammten Heimat in Rußland aufgewachsen ist, habe ich mich schon lange für die traditionellen Praktiken meiner Vorfahren interessiert. Für mich waren die Geschichten des Landes, die mir von meiner Großmutter erzählt wurden, immer faszinierend. Und als ich Lynx getroffen habe, fühlte es sich an wie ein großartiges Experiment – eine Chance, das traditionelle Leben neu zu entdecken, das eng mit dem Land und dem Meer verbunden ist.

Wie müssen wir uns das vorstellen, wenn Sie unterwegs sind im Rahmen des Projektes? Wie sehen die Vorbereitungen für die Reise aus und wie sieht der übliche Tagesablauf in der Wildnis aus? Es ist schwer vorstellbar, daß Sie niemals Menschen treffen, die ein modernes Leben führen. Wie reagieren diese Menschen, wenn sie den Teilnehmern des Projekts in der Wildnis begegnen?

Die Vorbereitung für die Reise findet auf einem verlassenen Grundstück statt, wo wir Monate damit verbringen, Tierhäute zu gerben und im Freien auf dem Boden schlafen. Ein Großteil unserer Zeit widmet sich dem Schlachten und dem Trocknen von Fleisch oder dem Sammeln von Beeren und der Zubereitung von Speisen.
Der typische Tag während des Projekts ist sehr schön, und, verglichen mit „normalen“ Tagen, in der Regel streßfrei. Zum Großteil beschäftigen wir uns mit dem Wetter und der Suche nach Nahrung. Wir leben sehr im bzw. für den Moment und im Einklang mit dem, was um uns herum in der Symphonie der Natur passiert, sei es die Bewegung der Sterne oder die Spuren im Gras.
Überraschenderweise bin ich bisher nie Teil einer Exkursion ins primitive Leben gewesen, bei der wir auf andere, „moderne Menschen gestoßen sind – unsere Gebiete für das Projekt sind gut gewählt und meistens sehr sehr abgelegen.

Sind Sie immer im gleichen Gebiet mit dem Projekt unterwegs oder nur zur Frühjahrs-/Sommersaison?

Jede Exkursion findet in einem anderen Gebiet statt. Oft gibt es ein bestimmendes Thema, wie z.B. das Flußsystem oder der Bergwald. Ich selbst war bisher nur im Sommer und im Herbst Teil des Projekts, aber Lynx ist auch im tiefen Winter unterwegs, wenn es sehr kalt wird.

Was war die längste Zeit, in der Sie kein Teil der modernen Welt waren, wie wir sie kennen? Wie lange könnten Sie das maximal aushalten und was ist dabei für Sie die größte Herausforderung?

An einem Stück bin ich bisher bis zu zwei Monate in der Wildnis gewesen. Nach 10 Tagen etwa wird es ganz einfach. Obwohl ich auf diesen langen Ausflügen dazu neige, ganz alleine sein zu wollen und die Menschen dann doch nach einer Weile vermisse. Die größte Herausforde-rung im Norden ist das Wetter – speziell, wenn sich die Jahreszeit verschiebt und das Wetter immer nasser und kälter wird. Alles wird dann schwieriger, vor allem trocken zu bleiben und seine Sachen zu trocknen.

Zu welchem Zeitpunkt hört der „romantische“ Teil der Reise auf und beginnt der geistige und körperliche Kampf? Ist das immer am selben Zeitpunkt oder unterscheidet es sich je nach Saison oder anderen Faktoren? 

Mir kommt es so vor, daß die ersten vier Tage immer die härtesten sind. In deinem Kopf mußt du dich von dem, was du hattest und wie einfach es vorher war, lösen. Dann kannst du dich darauf konzentrieren, was vor dir liegt und zu diesem Zeitpunkt ist es eine körperliche Herausforderung. Die Kombination, mit wem du unterwegs bist, die Jahreszeit und das Gebiet machen einen großen Unterschied aus – ich kann mir vorstellen, daß für jemanden, der dieses Leben in der Wildnis nicht freiwillig gewählt hat, ungemein schwieriger wäre, als für jemanden wie mich, der diese Entscheidung ganz bewußt getroffen hat. Das ist entscheidend, denn sobald du die Entscheidung für dich selbst getroffen hast, ist es an dir, diese Entscheidung zu leben und das Beste aus dem Leben zu machen, das du für dich gewählt hast.

Sicher kennen Sie das Buch „Die Welt ohne uns“ von Alan Weisman (Anm.d.Red. „Alan Weisman beschreibt in seinem Buch eine Welt ohne Menschen“ – siehe auch Umwelt & Aktiv-Ausgabe 4/2010). Was denken Sie, wie lange können Sie ein solches Szenario mit Ihrem jetzigen Wissen überleben? Welche Art von Überlebenstechniken haben Sie durch das „Stone Age Living Project“ gelernt?

Die Menschheit begeht Raubbau an den Ressourcen der Welt und es gibt nur wenige Orte, wo das Leben nur durch die Jagd und das Sammeln von Nahrung möglich wäre. Davon abgesehen, kann ich mit nur wenigen modernen Hilfsmitteln eine lange Zeit an einem Ort wie Alaska oder British Columbia überleben. Allein zu sein, ohne andere, ist die größere, mentale Herausforderung – lohnt es sich, in einer Welt ohne Menschen leben?

Kann sich jeder dem „Stone Age Living Project“ anschließen? Wenn einer unserer Leser jetzt mit diesem Gedanken spielt, was würde er oder sie tun müssen, um ein Teil des Projekts zu werden?

Ja, das „Stone Age Living Project“ ist für alle offen, aber zu bestimmten Jahren hat Lynx strengere Anforderungen an die Grundlagen, die beherrscht werden müssen. Die Jahre für erfahrenere Teilnehmer sind daher ein bißchen einfacher zu handhaben, weil die kombinierten Fähigkeiten der Gruppe eine enorme Hilfe darstellen.

Um ein Teil des „Stone Age Living Project“ zu werden, müssen Sie einfach Lynx über ihre Netzseite unter www.lynxvilden.com kontaktieren.

Das Ziel des „Stone Age Living Project“ scheint sehr idealistisch zu sein. Aber glauben Sie, daß eine Rückkehr in die Steinzeit wirklich etwas ist, das die Welt verändern könnte? Lachen viele Leute vielleicht nicht einfach nur über die Idee? Was ist Ihre Antwort auf diejenigen, die sagen, Sie sind Träumer?

Persönlich glaube ich nicht für eine Sekunde, daß die Menschheit zum Jagen und Sammeln zurückkehren könnte. Es gibt viel zu viele von uns. Andererseits ist die aus dem „Stone Age Living Project“ gewonnene Perspektive von unschätzbarem Wert. Nachdem Sie Meilen gehen mußten, um Wasser zu finden, macht Sie das Benutzen eines Wasserhahns plötzlich unheimlich dankbar.
Ich bin sicher, daß es Menschen gibt, die die Idee mißbilligen. Aber diejenigen, da bin ich mir sicher, haben nie viel Zeit in der Wildnis verbracht. Jede Person, die ich traf, hat Bewunderung für die Idee aufgebracht, für eine gewisse Zeit dem Land so nah zu sein, auch wenn sie sich selbst nicht für diesen Weg entschieden hätte.
Ich halte mich selbst für extrem pragmatisch. Denen, die mich einen Träumer nennen, würde ich antworten, daß sie die meisten Dinge dieser Welt, die ihr eigenes Leben erst ermöglichen, einfach nicht hinterfragen – woher ihr Wasser und ihre Nahrung stammen und die Geschichte, welche sie in die Lage versetzt hat, so bequem auf Kosten anderer Menschen und der Umwelt zu leben.

Was ist aus Ihrer persönlichen Sicht die größte Lektion, die Sie über den Menschen und das Zusammenleben während des Projekts gelernt haben?

Ich lerne die gleiche Lektion kontinuierlich, egal was ich tue – als Dokumentarfotograf oder als Teilnehmer beim Projekt. Es gibt keinen richtigen Weg für die Menschen zu leben. Es gibt sicherlich falsche Wege zu leben, aber es gibt nicht den einen einzigen richtigen Weg zu leben. Die Vielfalt, mit der die Menschen ihren Weg in der Welt gehen, ist erstaunlich.

Vielleicht kennen Sie den Schweizer Fotografen Markus Bühler-Rasom. Er hat die Ausstellung „Vanishing thule“ ins Leben gerufen über seine Zeit, in der er die Inuit für mehrere Jahre begleitete. Er erlebte, daß die alte überlieferte Kultur und Traditionen wegen des modernen Lebensstils verschwinden werden. Ist das etwas, das nicht verhindert werden kann und einfach zum Leben dazu gehört oder was ist Ihre Meinung dazu?

Ich kenne ihn tatsächlich. Ich habe gerade ein Projekt für National Geographic beendet, bei dem ich anderthalb Jahre mit den Iñupiat Walfischern von Alaska zusammenlebte. Ich verstehe also ganz genau, woher er seine Betrachtungsweise hat.
Ja, alte Kulturen und Traditionen verschwinden in erstaunlicher Geschwindigkeit. Die Globalisierung und die Marktwirtschaft haben alle Kulturen vermischt, egal wie abgelegen und es geht weiter mit jedem Bereich der Welt, in den wir eingreifen. Es scheint sehr unwahrscheinlich, daß die Globalisierung aufhören wird, obwohl die Wahl von Trump und der Brexit sicherlich Indikatoren sind, daß die Menschen jetzt Widerstand leisten. Doch nur weil die Dinge sich ändern, bedeutet das nicht, daß alle Traditionen verlorengehen. Kulturelle Identitäten unter (indigenen) Völkern sind stärker, als sie noch vor einiger Zeit gewesen sind. Viele arbeiten mit großem Engagement daran, ihre eigenen Kulturen zu revitalisieren, indem sie Traditionen annehmen, die fast verloren gegangen sind. Es ist die Selbstbestimmung der Kulturen wie die der Inuit, die es ihnen ermöglicht, ihre eigenen Entscheidungen darüber zu treffen, wie sie in dieser Welt leben wollen. Vielleicht werden wir Menschen noch erkennen, daß wir mit der Vielfalt der Kulturen etwas viel Wertvolleres verlieren würden als den Markfortschritt.

Sehr geehrter Herr Yüyan, wie wir bereits dargestellt haben, sind wir ein Magazin, das sich auf ökologische Themen und Umwelt-Aktivismus konzentriert. Möchten Sie unseren Lesern vielleicht etwas auf ihren Weg mitgeben? 

Ihre Leser gehören zu den gebildeten und wohlhabendsten Völkern der Welt und ich hoffe, sie nutzen ihr Privileg und tun etwas damit. Ich hoffe inbrünstig, daß Ihre Leser auch mit Menschen leben werden, die anders sind als sie selbst, daß sie denen zuhören werden, denen man wenig Gehör schenkt, daß sie reisen werden und sich klein fühlen. Es ist mein Wunsch, daß jeder Umweltschützer versteht, daß die Fragen, mit denen wir alle konfrontiert sind, bedingt sind durch den Anstieg der menschlichen Bevölkerung und dem damit verbundenen Ressourcenverbrauch. Und daß es Alternativen zu der Einschätzung der globalisierten Welt gibt, was Fortschritt ist. Sie müssen sich nur umsehen, um glückliche menschliche Kulturen zu sehen, die in einer Weise leben, die tausend und mehr Jahre andauern kann.
Moderne Menschen verstehen die indigenen Werte nicht – wir sehen einen Widerspruch darin, daß, wenn man etwas verehrt, man es auch jagt oder es verbraucht. Aber wenn wir gegen den Wolf kämpfen oder den vergifteten Lachs in den Flüssen essen, dann verbinden wir unser eigenes Schicksal mit ihrem Schicksal. Unser Schicksal ist das Schicksal des Landes. Um das zu verstehen, muß man durch Augen schauen, die noch nicht durch die Vorurteile unserer eigenen Kultur getrübt sind.

Sehr geehrter Herr Yüyan, wir danken Ihnen ganz herzlich für das interessante Gespräch.

Bildquelle: kiliii.com

Verwandte Artikel:


Artikel-Metadaten

Datum
07.01.2017

Kategorie



Kommentare sind nicht mehr zugelassen.