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Skandal um Gentech-Studie

prof-seraliniExklusiv-Interview mit Professor Gilles-Éric Séralini

Umwelt & Aktiv: Lieber Herr Professor Séralini, das „Food and Chemical Toxicology” Magazin (kurz „FCT”) hat Ihre Studie zum NK603 Mais und Langzeitauswirkungen von Round-up des Unternehmens Monsanto, welche zuerst im September 2012 veröffentlicht wurde, zurückgezogen. Kam das für Sie unerwartet und was ist Ihre erste Reaktion gewesen?

Professor Séralini: Um ehrlich zu sein, kam der Rückzug der Studie für uns total unerwartet und das ganze Team ist überrascht gewesen. Und das aus mehreren Gründen. Als erstes war unsere Studie vor der Veröffentlichung bekannt und wurde auch einer Überprüfung unterzogen. Sie wurde als großartige Studie betrachtet und alle europäischen Verleger waren enthusiastisch. Es ist die erste Langzeitstudie, die die Gesundheitsauswirkungen dieser Produkte mit vielen Tausend Parametern über einen Zeitraum von zwei Jahren überprüft hat, während andere Studien nur drei Monate dauern. Bisher sind wir hauptsächlich der Kritik ausgesetzt, daß die Rattenart und die Anzahl der verwendeten Ratten automatisch zu falschen Statistiken führen würden. Aber… das läßt völlig außer Acht, daß Monsantos Studie zur Produktzulassung – welche acht Jahre zuvor ebenfalls im FCT veröffent-licht wurde – dieselbe Rattenart und dieselbe Anzahl Ratten verwendet hat. Solche „Argumente” sind für uns nicht akzeptabel.

Umwelt & Aktiv: Im Internet und in Magazinen weltweit kann man derzeit sehr unfreundliche und auch beleidigende Kommentare über Ihre Studie lesen. Teilweise wird sogar Ihre wissenschaftliche Qualifikation in Frage gestellt. Hat die Studie Ihr Ansehen beschädigt oder gab es auch positive Rückmeldungen und Unterstützung?

Professor Séralini: Zum Glück haben wir sehr viel Unterstützung von Wissenschaftlern aus aller Welt erfahren dürfen. Außerdem können sicherlich 99% der unfreundlichen Kommentare als Diffamierungen betrachtet werden. Sie kommen von einer kleinen Minderheit von Leuten, die in diesem Fall allesamt Interessenkonflikten unterliegen. Die Industrie und ihre Lobbyisten arbeiten mit jedem Mittel, weil sie nicht in der Lage sind, die Ergebnisse der Studie zu widerlegen.

Umwelt & Aktiv: Bei uns ist der Eindruck entstanden, daß die Diskussion über GMOs mehr von Gefühlen und Glauben geleitet wird als von Fakten und wissenschaftlichen Untersuchungen – vergleichbar mit der Diskussion über den Klimawandel. Es scheint so, als ob es nur Schwarz / Weiß entweder Pro-GMOs oder Contra-GMOs gibt. Dazwischen gibt es nichts. Wie kommt es zu dieser Wahrnehmung Ihrer Meinung nach? Und was ist Ihre persönliche Meinung? Kann es Fälle geben, bei denen der Einsatz von GMOs sinnvoll ist oder sind GMOs generell abzulehnen?

Professor Séralini: Ich kann Ihnen nicht sagen, wodurch dieser Eindruck entsteht. Und glauben Sie es oder nicht, aber ich bin nicht generell gegen GMOs. Wenn GMOs in geschlossenen Laboren und mit voller Kontrolle über die Auswirkungen genutzt werden, bin ich für die Verwendung von GMOs. Zum Beispiel, wenn Bakterien verändert werden, um Gen-analyse zu betreiben oder wenn sie genutzt werden, um Medikamente wie Insulin herzustellen. Ich bin aber entschieden gegen GMOs in Umgebungen, wo sie nicht kontrolliert werden können. Das Essen der Bevölkerung sollte nicht als Versuchslabor mißbraucht werden. Ich glaube, daß die Nutzung von GMOs gefährlich sein kann, weil nicht genügend Tests durchgeführt werden. Und die Industrie will detaillierte Langzeittests nicht. Sie fürchtet die hohen Kosten und die Tatsache, daß Nebenwirkungen gefunden werden könnten. Was wir benötigen ist Transparenz!

Umwelt & Aktiv: Durch das geplante Trans-atlantische Freihandelsabkommen (TTIP) zwischen der Europäischen Union und den USA werden (mehr) gentechnisch modifizierte Produkte nach Europa gelangen – vielleicht sogar ohne die Notwendigkeit, diese als solche zu kennzeichnen. Ist es bereits zu spät für Konsumenten, die keine GMOs kaufen bzw. essen wollen und kritische Wissenschaftler wie Sie es sind?

Professor Séralini: Es ist nie zu spät! Gesundheitsrisiken würden alles stoppen. Wir müssen Bewußtsein für die potentiellen Risiken schaffen, indem wir erneut entsprechende Langzeitstudien durchführen. In meinen Augen ist es daher ein gutes Zeichen, daß die französische und russische Regierung und auch die Europäische Union planen, Langzeitstudien durchzuführen.

Umwelt & Aktiv: Das bringt uns zu einer eher philosophischen Frage. Was treibt die Forschung im Bereich der GMOs am meisten an aus Ihrer Sicht? Der Menschheit zu helfen oder mehr und mehr Produkte zu verkaufen, ganz gleich, was die Auswirkungen dieser Produkte sein könnten?

Professor Séralini: Ich bin kein Philosoph. Aber was ich Ihnen sagen kann, ist, daß der globale Pestizid-Markt durch acht Unternehmen kontrolliert wird. Und diese acht Unternehmen sind die gleichen, die das Geschäft mit GMOs bestimmen. Mit GMOs wurde das erste Mal überhaupt Leben patentiert. Nun müssen Sie sich vor Augen halten, daß die vier Saaten Mais, Reis, Weizen und Soja ungefähr 60 Prozent der Weltbevölkerung ernähren. Jeder Bauer muß dieses Saatgut kaufen, jedes Lebewesen, das sich ernährt, bedeutet Gewinn für diese Unternehmen. Und das Traurige ist, daß die Armen sich dieses GMO-Saatgut überhaupt nicht leisten können und daß der meiste Mais und das Soja benutzt werden, die Schweine und Rinder der reichen Nationen zu füttern und nicht arme Kinder (die zwei großen GMOs Baumwolle und Raps folgen). Der Wert dieser Patente ist enorm. Sie sind wie eine Lizenz zum Gelddrucken. Ich hoffe, das beantwortet Ihre Frage…

Umwelt & Aktiv: Es gibt viele andere Wissenschaftler, wie z.B. Professor Dr. Günter Neumann der Universität Hohenheim in Deutschland oder Professor Dr. Don Huber der Universität Purdue in den USA – um nur zwei sehr bekannte zu nennen – die bestätigen, daß das Monsanto Round-up Produkt gefährlich ist. Trotzdem reagieren die Regulatoren nicht oder nicht so, daß Langzeitstudien gefordert werden. Wie kommt das? Ist Monsanto wirklich ein derart mächtiges Unternehmen? Und ist es wahr, daß Richard E. Goodman – ein ehemaliger Monsanto-Angestellter – angefangen hat als Associate Editor for Biotechnology für Elsevier zu arbeiten, kurz bevor das FCT Ihre Studie zurückgezogen hat?

Professor Séralini: Regulatoren wie z.B. Gesundheitsbehörden in Ländern oder Kontinenten (EFSA – Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, FDA – Food and Drug Administration of the USA, FSANZ – Food Standards Australia New Zealand, …) reagieren nicht und sind paralysiert aufgrund der hohen ökonomischen Auswirkungen bzgl. der Kommerzialisierung von Monsantos Produkten. Wir haben das selber erfahren am ersten Tag, nachdem unsere Studie vom FCT veröffentlicht wurde und Monsanto und andere Lobby-Gruppen Druck auf die Herausgeber des FCT ausgeübt haben. Und ja, zwei Monate nach der Veröffentlichung wurde Richard E. Goodman nominiert, Studien zu biotechnischen Themen, die beim FCT eingereicht werden, zu managen. Das umfaßt natürlich Studien zu potentiellen Gesundheitsrisiken von GMOs. Das mag ein Zufall sein, aber soweit wir wissen, ist Goodman für ein 100.000 Millionen Dollar Budget für Monsantos Pro-GMO Kommunikation verantwortlich gewesen. Wenn man jetzt noch weiß, daß nahezu alle Wissenschaftsmagazine mit Defiziten zu kämpfen haben, hört sich das noch merkwürdiger an, oder? Und Elsevier hat sogar bestätigt, daß unsere Studie der Grund gewesen ist, Goodman einzustellen.
Bezüglich unserer Studie hat Richard Goodman angefangen, nach den kompletten Rohdaten der Studie zu fragen, was im wissenschaftlichen Bereich sehr ungewöhnlich ist. Typischerweise passiert das nie. Weil wir bei Goodman von Interessenkonflikten ausgegangen sind, haben wir Richard Goodman als Gutachter unserer Studie abgelehnt. Aber Elsevier hat aufgrund der starken Kritik, der sie sich ausgesetzt sahen, auf die kompletten Rohdaten bestanden. So haben wir Antworten auf alle Fragen geliefert.
Schlußendlich kam es zu der Situation, warum wir jetzt dieses Gespräch führen. Ein Jahr und zwei Monate nach Veröffentlichung der Studie hat uns der Chefredakteur des FCT, A. Wallace, gebeten, unsere Studie selbst zurückzuziehen. Das haben wir aber selbstverständlich abgelehnt. Der Herausgeber hat schließlich festgestellt, daß es keinen Betrug unsererseits gegeben hat, keine Fehlinterpretation der Daten und daß unsere Ergebnisse nicht falsch gewesen sind. Sein Entschluß basiert lediglich auf der Kritik an der Rattenart und der Anzahl der verwendeten Ratten, welche die Studie angeblich nicht überzeugend machen.

Umwelt & Aktiv: Was ist Ihre Antwort an Wissenschaftler, die die Rattenart – Sprague-Dawley-Ratten habe eine Lebenserwartung von etwa zwei Jahren und sind anfällig für Krebs – und die Anzahl der Ratten, die Sie für Ihre Studie ausgewählt haben, kritisieren? Wäre es nicht das Beste, die kritisierten Punkte zu beseitigen und die Studie erneut durchzuführen?

Professor Séralini: Das ist ein dummes „Argument“, das eigentlich nicht von wirklichen Wissenschaftlern kommen kann. Und während unserer Studie haben wir übrigens drei Mal weniger Tumore in unseren Kontrollen beobachten können als gemäß diesen Wissenschaftlern zu erwarten gewesen wären. Das ist damit zu begründen, daß das Futter, das weltweit für die Fütterung der Ratten benutzt wird, u.a. verseucht ist mit Pestiziden – im Gegensatz zu dem Futter, das wir benutzt haben. In unserem Fall war es möglich, den Unterschied bei den Tumorhäufigkeiten zwischen Behandlungs- und Kontrollgruppen zu messen, weil letztere eine von Pestizidrückständen bereinigte Nahrung erhalten haben.

Umwelt & Aktiv: Sehr geehrter Herr Professor Séralini, auf der Netzseite Ihres Instituts CRIIGEN können wir lesen, daß Ihr Team und Sie nicht willens sind, die Rücknahme Ihrer Studie durch das FCT zu akzeptieren. Warum sind Sie so sicher, daß Sie gewinnen werden und was sind die nächsten Schritte?

Professor Séralini: Als erstes sind die Daten unserer Studie auf unserer Seite. Es konnten keine falschen Daten und kein Betrug festgestellt werden. Dies wurde auch durch das FCT bestätigt. Wir werden neue Studien veröffentlichen, die die Schlüsse der ersten Studie bestätigen werden und zu guter Letzt werden wir unsere Studie über NK603 und Roundup erneut publizieren.

Umwelt & Aktiv: Haben wir vielleicht ein Thema vergessen, ĂĽber das wir reden sollten und zu dem Sie unseren Lesern etwas mitteilen wollen?

Professor Séralini: Ich möchte Ihren Lesern sagen, daß es immer Hoffnung gibt, Techniken und GMO Produkte besser zu kontrollieren. Und Sie sollten Regulatoren wie das BfR in Berlin und Ihre Regierung herausfordern. Nutzen Sie die Möglichkeit, um nach den Blutanalysen von Ratten zu fragen, die Roundup erhalten haben (was komplett anders ist als von Glyphosat), um das weitverbreitete Herbizid beurteilen zu können. Speziell in Deutschland ist es illegal, Gesundheitsdaten geheim zu halten. Dies wurde vom OVG Münster im Fall zu Monsantos Mais MON 863 bestätigt. Und ich hoffe, daß Ihre Leser den Titel Ihres Magazins ernst nehmen – Sie sollten sich um Ihre Umwelt sorgen und aktiv sein, um sie für unsere Kinder zu erhalten!

Umwelt & Aktiv: Sehr geehrter Herr Professor SĂ©ralini, wir danken Ihnen sehr fĂĽr Ihre Zeit und Ihre offenen Worte!

Dieses Gespräch erschien in der Ausgabe 1 – 2014

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Datum
01.01.2014

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